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Gesund leben

Interview mit der Sexologin Katrin Hinrichs

Franz Neuhäuser · 05.03.2025

Katrin Hinrichs. Foto: © Gerrit Meyer

Katrin Hinrichs. Foto: © Gerrit Meyer

Ändert sich die Sexualität im Alter? Gibt es Unterschiede im Begehren zwischen Männern und Frauen? KölnerLeben hat bei der Expertin nachgefragt.

Mit den Jahren, heißt es, wandle sich der Appetit des Mannes: weg vom „Wiev“ hin zu Rheinischem Sauerbraten. Stimmt das? Gilt das auch für Frauen? Ist Sex im Alter eher die Ausnahme? Oder geht noch was?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich Katrin Hinrichs. Sie ist Klinische Sexologin und arbeitet in ihrer Praxis in Hamburg. Zum Thema hat sie zwei Bücher geschrieben („Ich frage für einen Freund …“ und aktuell „The Age of Sex“) und podcastet erfolgreich im Internet. Auch im Fernsehen sind ihre Erkenntnisse und Erfahrungen immer wieder gefragt.

Frau Hinrichs, wenn wir von Sex reden, was genau verstehen Sie darunter?

Sex ist eigentlich alles. Natürlich ist Sex mehr als nur ein flüchtiges Über-den-Kopf-Streicheln. Sex bedeutet eine noch bewusstere körperliche Nähe. Wie zum Beispiel Küssen. Aber ich unterscheide nicht zwischen Vorspiel, Hauptspiel und Nachspiel. Ich finde, die sexuellen Möglichkeiten sind viel größer, als die meisten annehmen. Für die meisten ist Sex immer nur der Penetrations-Sex. Nicht nur im Alter ist es aber wichtig, dass man erkennt: Schon das Vorspiel ist Sex.

Sex bedeutet für Sie also nicht, dass immer der Orgasmus im Mittelpunkt stehen muss?

Nein. Und auch nicht, dass jeder viel Sex haben muss. Das wird ja im Alter oft ein bisschen schwieriger. Lust und Erregung aber sind lebenslang möglich. Das ist das Wichtigste. Und dass man den Leuten die Angst nimmt. 

Wovor haben sie Angst?

Sie haben Angst, nicht mehr genug Leistung zu bringen, das gilt für jede Altersstufe. Vor allem Männer stehen extrem unter Leistungsdruck. Und wenn bei Älteren die Erektion nicht mehr so klappt, haben die meistens ein noch größeres Problem. Weil sie glauben, so war es früher und so muss es bleiben. Mit diesen falschen Mythen sind viele unterwegs. Das macht Druck. Aber es verändert sich alles im Leben. Auch die Sexualität.

Kann Sex im Alter eigentlich auch besser werden?

Ja. Es geht im Laufe der Jahre von der Quantität zur Qualität. Im Alter habe ich vielleicht ein bisschen mehr Zeit, kann mir mehr Zeit nehmen. Denn diesen Hauthunger werden wir ein Leben lang haben. Und ich behaupte, er kann im Alter viel größer sein, weil es im Alter ein bewussteres Wahrnehmen geben kann. Aber ich muss mich darum kümmern, dass ich diese Wahrnehmung zulasse. Das Entscheidende ist: Es gibt so viel mehr, als wir uns vorstellen. Der Kopf ist immer dabei. Auch die erotische Nutzfläche eines Körpers ist viel größer, als uns oft bewusst ist, und sie wird von den meisten gar nicht genutzt. Man kennt zwei, drei Punkte. Das muss reichen. So ist oft die Einstellung. Und das ist schade. 

Auch wenn es gerade älteren Menschen schwerfällt: Es hilft, mit dem Partner über die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen. Erst recht, wenn diese sich verändert haben. Und vielleicht auch zu erwähnen, dass man sich schämt, weil man seinen gealterten Körper nicht mehr schön genug findet, um ihn zu zeigen. 

Machen sich die Menschen beim Sex zu viel Druck?

Ja, bei den meisten, wie ich höre, weht mich Leistungsstress an. Die einen meinen, sie müssen etwas leisten, die anderen meinen, jetzt müsste mal genug sein. Und das bedeutet alles Stress. 

Abgesehen vom Leistungsdruck, mit welchen Problemen werden Sie in der Praxis am häufigsten konfrontiert?

Zunächst einmal sind körperliche Funktionsstörungen ein großes Problem. Erektionsprobleme bei Männern, Orgasmusprobleme bei Frauen. Aber auch die Länge einer Beziehung kann sich als Sexkiller erweisen. Was alle eint, das ist Lustlosigkeit. Das ist eines der größten Probleme. Auch bei Jüngeren … 

Ich hätte vermutet, dass im Lauf der Jahre ein Ungleichgewicht der Wünsche entsteht. Die Frau will im Alter weniger Sex als der Mann …

… hieß es früher. Aber da muss ich Ihnen sagen: Es gibt sehr viele Männer, die keine Lust mehr haben. Und es gibt sehr viele Frauen, die mehr wollen. Das hat sich schon gedreht.

Wenn man im Alter weniger Lust auf Sexualität hat, ist das eigentlich per se ungünstig für die Paarbeziehung?

Nein. Das hängt immer davon ab, mit wem ich es zu tun habe. Wenn das ein Paar ist, das seit dreißig Jahren verheiratet ist, Kinder hat, zusammen etwas aufgebaut hat und beim Thema Sex übereinstimmend sagt: Wir haben viel Sex gehabt, es war wunderbar, aber irgendwie fehlt uns jetzt die Lust. Wir lieben uns trotzdem, wir kuscheln auch noch mal. Wenn ein Paar das so sagt, wenn beide damit zufrieden sind, dann ist das in Ordnung. 

Sind sexuelle Probleme Luxusprobleme?

Nein, das sind sie nicht. Sexualität gehört zum Leben dazu. Natürlich, wir werden nicht tot umfallen, wenn wir keinen Sex haben. Aber warum sollte man Sex vom Leben ausklammern, wenn man Sexualität so leben kann, dass es ein Genuss ist? Denn dann kann Sexualität eine lebenslange Kraftquelle sein.

Das Gespräch führte KölnerLeben Autor Franz Neuhäuser.

Hier können Sie den vollständigen Beitrag: Sexualität und Lust – ein Leben lang lesen oder im KölnerLeben-Podcast anhören.

Mehr Infos über Katrin Hinrichs finden Sie auf ihrer Webseite https://www.praxis-katrin-hinrichs.de/

Hintergründe:

Ein toller Stoff

Oxytocin macht glücklich, lindert Schmerzen, baut Stress ab, verlängert Ihr Leben. Und das Beste: Man kann an diesen tollen Stoff ganz legal kommen, muss keinem Dealer in dunklen Ecken dickes Geld rüberschieben. Erraten? Ein bisschen Sex, sogar schon ein bisschen Kuscheln, nur ein wenig Jeschnüsels … und schon produziert der Körper Oxytocin. Beim Orgasmus wird der Körper sogar mit dem Wunderstoff geflutet. Aber es muss ja nicht immer die volle Dröhnung sein.

Ihre Krankenkasse empfiehlt

Ist Sex gesund? | DAK-Gesundheit

Ratschläge und Tipps zum Thema Sex gibt es so viele wie Pornos im Internet. Man muss sie nur finden. Einige der interessantesten Informationen kommen etwas überraschend von der Krankenkasse DAK. Die hat auf ihrer Internetseite sechs Gründe aufgelistet, warum Sex gesund ist. 

  1. Sex macht fit. Dürfte allseits nachvollziehbar sein. Körperliche Aktivität hält den Körper in Schwung.

  2. Sex verringert Stress. Siehe dazu den Infokasten „Ein toller Stoff“ unten.

  3. Sex ist schlaffördernd. Kommt einem vielleicht bekannt vor. Es sei übrigens auch wissenschaftlich erwiesen, dass der Effekt bei Männern meist ausgeprägter ist. Sagen Frauen schon lange …

  4. Sex stärkt das Immunsystem. Der Orgasmus, sagen Forschende, rege die Produktion sogenannter Immunglobuline an. Diese schützen vor Krankheitserregern.

  5. Sex macht schön. Steile These? Die DAK-Expertinnen und -Experten argumentieren so: Wer sich körperlich betätigt, der kommt ins Schwitzen. Das öffnet die Poren. Damit gelangt Sauerstoff in die Zellen. Ergebnis: Der Teint strahlt. Okay, liebe DAK, damit ist klar: Auch Joggen macht schön.

  6. Sex verlängert das Leben.

Dafür, dass nichts bleibt, wie es war, sorgen Hormone. Wenn es um Geschlechtshormone geht, ist meist von Testosteron und Östrogen die Rede. Die beiden Substanzen beeinflussen die Sexualität. Bei Lust und Leidenschaft sind auch das Glücksgefühle auslösende Dopamin und der aufputschende Botenstoff Adrenalin am Start. Was genau beim Liebesakt in Kopf und Körper geschieht, wissen Forschende allerdings immer noch nicht. Wahrscheinlich sind Dutzende von Hormonen und Hirnbotenstoffen am Überschwang der Gefühle beteiligt. Sicher ist: Im Laufe des Lebens verändert sich der Hormon-Mix. Besonders explosiv ist die Mischung in der Pubertät und in den Jahren des Wechsels. Bei Frauen nimmt die Konzentration des Östrogens in der Lebensmitte ab und der Monatszyklus bleibt aus. Beim Mann ziehen sich die „Wechseljahre“ übrigens. Etwa ab dem 30. Lebensjahr verliert er langsam den Treib- und Triebstoff Testosteron. Mann wird ruhiger. 

Zahlen, Daten, Fakten

Quelle. *Sexualität im Alter: Wie sieht sie aus?

Laut AOK gibt jeder dritte Mann zwischen 70 und 79 Jahren an, sexuell aktiv zu sein, bei den Frauen sind es noch mehr. Erst in der Altersgruppe der über 80-Jährigen sind es bei den Männern nur noch 10 Prozent, bei den Frauen immerhin noch fast jede Fünfte. Die sinkenden Zahlen wiederum sagen nichts über das sexuelle Verlangen aus. Denn oftmals fehlt im höheren Alter ein gesunder Sexualpartner oder eigene Erkrankungen lassen das Thema Sexualität in den Hintergrund treten. Den meisten Senioren sind Liebe und Sexualität im Alter aber trotzdem wichtig. Der Wunsch nach sexueller Befriedigung bleibt bestehen, wenn er auch an Intensität verliert.*

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Tags: Begehren , Beziehungen , Senioren , Sexualität

Kategorien: Gesund leben