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Soziales

Hilfe bei Gewalterfahrung im Alter: Raus aus der Unsichtbarkeit

Marie Breer · 28.07.2026

Beratung ist immer vertraulich, sie kann persönlich, telefonisch und als Videoanruf erfolgen. Foto: H. Marie Breer

Beratung ist immer vertraulich, sie kann persönlich, telefonisch und als Videoanruf erfolgen. Foto: H. Marie Breer

Es gibt Gewalt und Traumatisierung in unterschiedlichen Formen. Der Kölner Verein „Paula“ hilft älteren Frauen ab sechzig Jahren über ihre Gewalterfahrung zu sprechen und eine passende Therapie zu finden.

Um es vorneweg zu sagen: Paula e. V. gehört zu den wenigen Unterstützungsangeboten, die auf das Thema Gewalt und Traumatisierung bei Frauen ab sechzig Jahren bis in hohe Alter spezialisiert sind. Die Beratungsstelle hilft Frauen, die körperlicher, seelischer bis hin zu traumatisierender Gewalt ausgesetzt waren oder noch sind. „In der Gesellschaft wird zu wenig wahrgenommen, dass auch ältere Frauen von Gewalt betroffen sind, sie sind als Opfer unsichtbar“, sagt Denise Klein, Diplom-Pädagogin und Projektleiterin von Paula.

Der Verein und die Beratungsstelle

Zu dem speziell qualifizierten Dreierteam für die Beratung gehören auch Daniela Halfmann und Martina Böhmer. Letztere hat 2010 gemeinsam mit anderen Frauen den Verein gegründet. Zwei Jahre später eröffnete die Beratungsstelle, die seit 2014 über eigene Räume in der Südstadt verfügt. Schon beim Betreten ist eine vertrauensvolle Atmosphäre spürbar, die auf Wunsch auch Anonymität gewährt. Ein Schutzraum, in dem die Frauen über ihre Erlebnisse sprechen und mit den Beraterinnen gemeinsam Perspektiven erarbeiten können.

„In der Gesellschaft wird zu wenig wahrgenommen, dass auch ältere Frauen von Gewalt betroffen sind, sie sind als Opfer unsichtbar.“

Denise Klein

Jede von ihnen entscheidet selbst, wie sie unterstützt werden möchte. Grundlage sind viele Informationen wie zum Beispiel über weiterführende Therapieangebote. Dafür hat der Verein ein Netzwerk aufgebaut, zu dem andere Frauenberatungsstellen und auch Pflegedienste und Hausärzte gehören.

Die meisten Ratsuchenden sind zwischen sechzig und achtzig Jahre alt. Sie haben Gewalt in ganz unterschiedlicher Form erfahren, meist durch Männer. Das beginnt bei Einschüchterungen, Beschimpfungen, Bedrohungen und Demütigungen und reicht über Schläge und Prügel bis hin zu sexueller Nötigung und Vergewaltigung – oft in der eigenen Wohnung, aber auch als Patientin oder Bewohnerin im ambulanten und stationären Pflegebereich.

Bei hochaltrigen Frauen spielen häufig Kriegserlebnisse eine Rolle, bei vielen „ökonomische Gewalt“, wie Klein ausführt: Wirtschaftliche Abhängigkeit wird bis heute ausgenutzt – früher, als Erwerbstätigkeit für Frauen keine Selbstverständlichkeit war und bis 1977 der Zustimmung des Ehemannes bedurfte, und heute bei kleiner Rente. „Viele Frauen mussten sich anpassen und trauen sich selbst nichts mehr zu“, so die Erfahrung von Klein.

Die Opferrolle verlassen lernen

Paula setzt sich dafür ein, dass die Frauen mit ihren leidvollen Erfahrungen mehr gesehen werden, und will sie ermutigen, ihr Schweigen zu brechen und zu erkennen: „Ich habe das Recht, ein anderes Leben zu führen.“ In der Beratungsstelle hängt ein kleines Bild an der Wand mit dem Zitat „Die Scham muss die Seiten wechseln“. Es stammt von der Französin Gisèle Pelicot, die von ihrem Ehemann betäubt und von Dutzenden fremder Männer vergewaltigt wurde. Beim Gerichtsprozess im Herbst 2024 machte sie damit deutlich: Schämen sollen sich nicht die Opfer von Gewalt, sondern die Täter und die Gesellschaft, die das Problem verharmlost.

„Die Scham muss die Seiten wechseln“.

Gisèle Pelicot

Die Beratungsstelle sieht sich einer wachsenden Nachfrage gegenüber, aber die Kapazitäten sind begrenzt. An die 120 Ratsuchende können pro Jahr unterstützt werden, so Klein. Gerne würden sie Gruppen anbieten und ehrenamtliche Fachkräfte einsetzen. Aber leider gibt es nur einen einzigen Beratungsraum.

Finanzierung und Spenden

Auch der finanzielle Rahmen ist begrenzt, so sind alle lediglich mit einer halben Stelle beschäftigt. Zwei davon werden über ein bis 2027 befristetes Projekt der Deutschen Fernsehlotterie ermöglicht. Die dritte Stelle wird pro Jahr mit 50.000 Euro von der Stadt Köln gefördert. Das macht deutlich, wie sehr der gemeinnützige Verein für seine Arbeit auch auf Spenden angewiesen ist. Wie weit das im Februar 2025 in Kraft getretene Gewalthilfegesetz Einfluss auf die weitere Entwicklung der Beratungsstelle hat, ist noch offen.


Das Beraterinnen-Team: Daniela Halfmann, Denise Klein und Martina Böhmer (von links nach rechts). Foto: H. Marie Breer

Ab 2027 will der Bund Gelder zur Verfügung stellen, um das Gewaltschutzsystem umfassend zu finanzieren. Große Erwartungen daran knüpft Klein nicht: „Ob die Notwendigkeit einer Fachberatungsstelle für diese Altersgruppe festgestellt wird und ob es dann vielleicht eine Finanzierung geben wird, die den Fortbestand unserer Beratungsstelle sichert, steht in den Sternen.“ Aber die Hoffnung bleibt, denn sicher ist, der Bedarf ist da.

Paula e. V.
An St. Magdalenen 11
Tel. 0221 / 96 67 64 22
www.paula-ev-koeln.de

Gespräche werden auch zu Hause, in Pflegeeinrichtungen innerhalb Kölns, per Telefon oder Video angeboten. Die Traumafachberatung steht auch Angehörigen und Fachpersonal im Gesundheitswesen offen.

Spendenkonto:
Sparkasse KölnBonn,
IBAN DE55 3705 0198 1930 5808 22

Niemals schweigen!
Bei akuter Bedrohung Polizeinotruf 110 wählen, Anzeige erstatten, das ist bei jeder Polizeidienststelle möglich. Mit einer Beratungs- oder Interventionsstelle wie Paula e. V. in Verbindung setzen. Weitere Kontakte kann die Polizei oder das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 116 016 vermitteln.

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Tags: Beratung , Gewalt , Gewalterfahrung , Konflikt , Schutz , Spenden , Trauma , Verein