Soziales
Assistenzhunde helfen bei Mobilität und Teilhabe
Sabrina Steiger · 21.07.2026
Mit Duffy fühlt sich Klaus Hermann selbst in Kölns Innenstadt sicher. Fotos: Sabrina Steiger
Hündin Duffy hat einen verantwortungsvollen Job: Sie führt Klaus Hermann Klostermann durch Köln. Wenn der 76-Jährige zum Führhundgeschirr greift, leitet Duffy ihn über Straßen und Bürgersteige, vorbei an Gullideckeln und Hundehaufen, Treppen hinauf und hinab und sogar in die Straßenbahn. Denn Klostermann ist mit nur noch fünf Prozent Sehvermögen fast blind. „Der Hund hat meine Mobilität sehr sicher gemacht“, sagt er. „Als Blinder kann ich natürlich auch mit dem Stock gehen, aber der zeigt mir zum Beispiel keine Höhenhindernisse an“
Duffy dagegen stellt sich quer, wenn Stufen beginnen, und zeigt auch deren Ende an. Mit sechzig Jahren erblindete Klostermann als Folge von Diabetes. Damals wandte er sich an Hundetrainer Erik Kersting, der dann Klostermanns ersten Hund „Peanut“ speziell für seine Bedürfnisse trainierte. Peanut war nicht nur Blindenführhund, sondern roch auch, wenn Klostermann unterzuckert war. „Bei Unterzucker bekam ich einen Stupser“, erzählt er.
Assistenzhunde-Ausbildung: Kosten und Förderung

Foto: Sabrina Steiger
Die Ausbildung eines Assistenzhundes dauert bis zu zweieinhalb Jahre. Das geht in zwei Varianten: Der Hund lebt beim Trainer und bekommt regelmäßig Besuch vom zukünftigen Halter oder er lebt bei diesem. Dann absolvieren beide zusammen die Trainingsstunden. „Das ist zum Beispiel bei Epilepsie-Warnhunden sinnvoll, weil schon der Welpe die Veränderungen erleben muss, die beim Menschen einen Anfall ankündigen“, erklärt Trainer Kersting.
Die Ausbildung ist nicht billig, sie kann bis zu 35.000 Euro kosten. Die Krankenversicherung zahlt nur im Falle eines Blindenführhundes. Kersting hat deshalb schon vor Jahren einen Förderverein gegründet, der Spenden sammelt – damit auch Menschen im Rollstuhl oder mit chronischen Erkrankungen einen Assistenzhund bekommen können. Wichtig ist vorab immer die Beratung: „Wir klären dann im Gespräch, ob ein Hund wirklich die Hilfe ist, die der Mensch braucht.“
Wer mit seinem Assistenzhund am Ende der Ausbildung eine Prüfung abgelegt hat, darf ihn überallhin mitnehmen – auch in Arztpraxen, Krankenhäuser oder Museen. Doch die Prüfung dürfen seit Juli 2023 nur zertifizierte Ausbildungsstätten durchführen. Das Dilemma: Diese gibt es bis heute nicht, da der Gesetzgeber den Rahmen unklar gelassen hat. Aber er arbeitet daran: Im Rahmen der Reform des Behindertengleich- stellungsgesetzes (BGG) könnte im Herbst der Gesetzentwurf vom Bundestag verabschiedet werden.
Welche Arten gibt es bei Assistenzhunden?
LPF-Assistenzhunde (Hunde mit lebenspraktischen Fähigkeiten) unterstützen Menschen, die sich mit Rollstuhl oder Gehhilfen fortbewegen. Unter anderem öffnen und schließen sie Türen und Schubladen, helfen beim An- und Ausziehen und heben Gegenstände vom Boden auf. Sie können selbst empfindliche Gegenstände wie Brillen und EC-Karten bringen und die Waschmaschine ein- und ausräumen. Im Supermarkt holen sie die gewünschten Artikel aus den Regalen und übergeben dem Kassierer die Geldbörse aus der Tasche am Rollstuhl.
Mobilitätsassistenzhunde helfen Menschen, die zwar ohne Hilfsmittel gehen können, aber unsicher sind. Sie verbessern während des Gehens die Standfestigkeit und das Gleichgewicht. Sie helfen beim Treppensteigen und beim Aufstehen von Stühlen. Zusätzlich können sie bei Bedarf Aufgaben wie die LPF-Assistenzhunde erlernen.
PTBS-Assistenzhunde helfen Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Sie können in dunklen Räumen das Licht anschalten, ihre Besitzer durch Menschenmengen führen, sie bei Panikattacken zum Ausgang des Geschäfts bringen und an die Medikamenteneinnahme erinnern.
Signalhunde zeigen Gehörlosen an, wenn die Klingel, das Telefon oder der Wecker läutet, Küchentimer und Rauchmelder schrillen oder das Baby schreit. Warnhunde gibt es für verschiedene Erkrankun- gen: Epilepsie, Schlaganfall, Diabetes oder Narko- lepsie. Sie erkennen einen drohenden Anfall oder Unter- oder Überzuckerung, warnen und können Hilfe holen, wenn der Mensch ins Koma fällt.
Hunde helfen auch im Alter

Assistenzhunde warnen vor Anfällen, öffnen Türen und führen durch die Stadt. Foto: Sabrina Steiger
Weniger hoch sind die Hürden bei ESA-Hunden. ESA steht für Emotional Support Animal, also ein Tier, das emotional unterstützt. Die Ausbildung ist kürzer und kostet bis 5.000 Euro. „Deshalb ist so ein ESA-Hund auch für ältere Menschen interessant, die nicht mehr so viel Zeit und Geld investieren wollen“, meint Hundetrainerin Alexandra Schemm. „Diese Hunde werden zum Beispiel auch bei Demenz eingesetzt.“
Der erste ESA-Hund, den sie in Köln trainiert hat, war Golden Retriever Enzo. Seine Halterin, die 72-jährige Monika Müller (Name geändert), bekam vor zwei Jahren die Diagnose Parkinson. Müller fürchtete, ihren Hund krankheitsbedingt irgendwann abgeben zu müssen. Doch dann erfuhr sie, dass sie Enzo sogar für sich einsetzen kann. Für die Ausbildung musste sie – wie beim Assistenzhund – ein ärztliches Attest vorlegen und am Ende mit Enzo eine Prüfung machen.
Unbeschränkte Zugangsrechte hat er allerdings nicht. Immerhin darf er im Flugzeug zu Müller in die Kabine. Vor allem aber gibt der Hund ihr Sicherheit – indem er sich draußen schützend vor sie stellt und ihr zu Hause aus dem Sessel hilft: „Wenn ich Schwierigkeiten mit dem Aufstehen habe, kann ich mich an ihm festhalten“, sagt sie dankbar.
Informationen
ILE Förderverein Servicehunde für Menschen mit Behinderung
Erik Kersting,
Neu Fringshaus 1,
52159 Roetgen,
Tel. 02471 / 92 10-80
www.canis-familiaris.de
Deutsches Assistenzhunde-Zentrum Köln-West
Alexandra Schemm,
In der Korbich 11,
51789 Lindlar,
Tel. 01575 / 689 45 83
www.assistenzhunde-zentrum.de/koeln-west
Kölner Hunde Coaching Institut
Britta Brovot,
Unter den Birken 207e,
50996 Köln,
Tel. 0172 / 258 08 55
www.koelnerhunde.coach
Assistenzhunde NRW e. V.
Im Buchenkamp 72,
51109 Köln
Tel. 0163 / 260 26 73
www.assistenzhunde.nrw
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Tags: Assistenzhund , Assistenzhundausbildung , Blindenführhund , Demenz , Diabetes , Epilepsie-Warnhunde , Hund , Hundetraining , Mobilität , PTBS