Leben in Köln

Alles Zucker - am Ende der Fastenzeit wird im Islam das Zuckerfest gefeiert

Adnan Akyüz · 05.05.2022

Kein Zuckerfest ohne Schalen mit Bonbons. Foto: Önder Kanbur / iStock

Kein Zuckerfest ohne Schalen mit Bonbons. Foto: Önder Kanbur / iStock

Drei Tage lang wird gefeiert und viel gegessen. Aber wie genau und warum wird es gefeiert? Gastautor Adnan Akyüz berichtet.

Der Tag des Zuckerfests startet für viele muslimische Familien schon frühmorgens. Auch unser Weg führte immer zuerst in eine Moschee für das festliche Gebet. Da treffen sich viele aus dem Veedel und gratulieren sich gegenseitig zum Fest. Alle ziehen an diesem besonderen Tag ihre schönste Kleidung an. Nach dem Gebet trifft man sich zu einem gemeinsamen Frühstück mit der Familie, denn das Zusammensein ist der Kern des Zuckerfests.

Da kommen schon mal schnell zehn Personen zusammen, so wie in meiner Familie. Für mich ist dieses Fest besonders, weil es Erinnerungen an meine Kindheit weckt und ich eine schöne Zeit mit meiner Familie verbringe. Tatsächlich freue ich mich am meisten auf die Leckereien, die meine Mutter für uns vorbereitet hat. Doch bevor sich alle an den Tisch setzen, gratulieren wir uns gegenseitig zum Fest des Fastenbrechens.

Bayramın mübarek olsun! Gesegnetes Fest!

Wir wünschen uns ein „gesegnetes Fest“. Auf Türkisch sagen wir „bayramın mübarek olsun“. In vielen muslimischen Familien, auch in meiner, ist es Tradition, dass Jüngere den Handrücken ihrer älteren Familienmitglieder küssen und deren Hand auf die eigene Stirn legen. Dieses Ritual ist eine Respekt- und Liebesbekundung. Es gibt auch Familien, denen der Handkuss zu „altmodisch“ ist, dort gibt es stattdessen eine dicke Umarmung.


Ein typisches Fastenbrechen-Essen mit der Familie. Foto: brightstars / iStock

Fasten, bis die Sonne untergeht

Für Kinder gibt es vor dem Frühstück endlich die ersehnten Geschenke und Süßigkeiten. Für Pänz aus muslimischen Familien ist das Zuckerfest wie Weihnachten. Es gibt Geldgeschenke, Spielzeug und neue Anziehsachen, von mir auch schon mal ein FC-Trikot für meine Neffen. Wenn dann endlich alle am Tisch sitzen, überkommt mich schon ein merkwürdiges Gefühl beim ersten Schluck Kaffee.

Es ist so ungewohnt, bei Tageslicht etwas zu trinken oder zu essen. Da wird mir noch mal der Verzicht, den ich geleistet habe, bewusst. Denn dem Fest geht eine einmonatige Fastenzeit voraus – der Ramadan. Der Fastenmonat ist der neunte Monat im islamischen Kalender, der pro Jahr zehn oder elf Tage kürzer ist als der Sonnenkalender. Dadurch fällt der Beginn des Ramadan jedes Jahr auf einen anderen Zeitpunkt und findet mal im Sommer und mal im Winter statt.

Im letzten Jahr endete er Mitte Mai, das bedeutet täglich mehr Stunden von Sonnenaufgang bis -untergang als im Winter, in denen gläubige Musliminnen und Muslime nichts essen und trinken dürfen – ein Willensakt. Erst nach Sonnenuntergang darf das Fasten jeden Tag „gebrochen“ werden. Durch diese Selbstbeherrschung konzentriert man sich auf das Wesentliche und Spirituelle.

Der Verzicht auf Lebensmittel gerät für mich in den Hintergrund. Ich versuche, meine Tugenden zu stärken und auf unnötigen Konsum zu verzichten. Dennoch freue ich mich, wenn die Sonne untergeht und ich mich für mein Durchhaltevermögen belohnen kann. Für das Fasten gibt es aber eine Reihe von Ausnahmen – Kinder bis zur Pubertät, Schwangere und Stillende, Frauen während der Periode sowie Kranke sind von der Pflicht ausgenommen. Wer nicht fasten darf, kann sich immerhin mit einer Spende an Bedürftige beteiligen.

Baklava-Rezept


Selbstgemachte Baklava. Foto: Oxana Medvedeva / iStock

Man braucht:

  • 5 Strudelteigblätter
  • 70 ml Wasser
  • 150 g Zucker
  • 50 g Honig
  • 400 g gehackte Pistazien
  • 120 g gehackte Mandeln
  • 120 g gehackte Walnüsse
  • 1 Teelöffel Zimt
  • 125 g flüssige Butter
  • 3 Esslöffel gehackte Pistazien zum Garnieren, etwas Butter für die Form

Eine Auflaufform mit flüssiger Butter einstreichen. Alle Nüsse zusammen mit dem Zimt fein hacken. Den Backofen auf 170 Grad Ober-/Unterhitze vorheizen. Die Teigblätter in die richtige Form schneiden und das erste Teigblatt mit flüssiger Butter bestreichen. 2 Esslöffel der Nussmischung gleichmäßig darauf verteilen, den Vorgang so lange wiederholen, bis die Zutaten aufgebraucht sind. Mit einem Teigblatt abschließen.

Aus Wasser, Zucker und Honig einen Sirup kochen: erst 3 Minuten auf kleiner Stufe, bis sich der Zucker gelöst hat, dann 5 Minuten auf höchster Stufe, damit das Wasser verdampft und ein Sirup entsteht. Den heißen Sirup über die Teigblätter geben und je nach Belieben kleine Quadrate oder kleine Rauten schneiden.

Im vorgeheizten Ofen 35 Minuten backen. Die Baklava sind fertig, wenn die Teigblätter goldbraun sind. Jedes Stück mit ein paar gehackten Pistazien garnieren. Guten Appetit!

Frühstück im Familienkreis

Umso besser schmeckt das erste „richtige“ Frühstück. Es kommen viele Leckereien auf den Tisch. Nach der „kleinen Feier“ im Kreis der engen Familie beginnt eine wahre „Besuchsodyssee“. Für deren Reihenfolge gibt es eine inoffizielle Regelung, die sich nach dem Verwandtschaftsgrad richtet.

Zuerst sind direkte Verwandte wie Eltern oder Großeltern dran. Dann erst Geschwister und andere Angehörige. Ein Cousin dritten Grades oder ein Arbeitskollege wird erst am zweiten oder dritten Tag besucht. Angehörige im Ausland werden angerufen oder aber sie werden besucht; viele Familien richten ihre Urlaubsplanung nach dem Zuckerfest. Und jedes Mal werden Tee und vor allem Desserts serviert. Immer dabei: die Blätterteigsüßspeise Baklava, jedoch keine Fleischgerichte. Für die Kinder gibt es auch hier Geschenke.

Typisch: Überall stehen große Schalen mit Bonbons, aus denen sich alle bedienen dürfen. An diesen Tagen blieb auch die Ermahnung meiner Mutter, ob ich denn nicht schon genug hätte, aus. Wenn ich schon mal zu viel genascht hatte, habe ich immer noch Vorräte für später eingepackt. Als Kind sagt man ja nicht nein zu Kamelle. Jetzt kann jeder nachvollziehen, warum es „Zuckerfest“ heißt.

In Köln leben rund 120.000 Menschen muslimischen Glaubens, das sind 10 Prozent der Bevölkerung. Am Montag, den 2. Mai 2022 startet das Zuckerfest in Deutschland mit festlichen Gebeten um 6.27 Uhr. Viele nehmen sich für diesen Festtag frei. Ein besonders beliebter Anlaufpunkt für süße Backwaren ist die Hasan Özdag Feinkostbäckerei an der Keupstraße in Mülheim.
Webseite: https://www.hasan-oezdag.com

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Tags: Islam , Traditionen in Köln

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