Leben in Köln

Ziemlich neue Freunde

Jürgen Schön · 21.10.2019

Christel Esser und Helmut Ortseifen. Foto: Bettina Bormann

Christel Esser und Helmut Ortseifen. Foto: Bettina Bormann

Einsamkeit kann schrecklicher sein als manche Krankheit – ein Verein hat eine gute Medizin dagegen

Christel Esser ist eine lebenslustige Frau. Die 86-Jährige spielt leidenschaftlich Doppelkopf, besucht gerne Konzerte und Theater. Der Haken: Sie ist in ihrer Mobilität eingeschränkt, auf einen Rollator angewiesen. Ein Auto hat sie nicht, eine Familie als „Chauffeur“ auch nicht. Wie also den selbstverständlichen Wunsch erfüllen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen?
„Ich bin froh, wenn ich einmal rauskomme“, beschreibt sie ihren Lebenswillen, „dafür würde ich sogar in die Hölle gehen.“ Muss sie aber nicht. Im QuäkerNachbarschaftsheim im Inneren Grüngürtel zwischen Ehrenfeld und Innenstadt hat sie ihre feste und regelmäßige Doppelkopfrunde gefunden. Die Fahrten dorthin hat der Verein „Kölsch Hätz“ organisiert.

Aber nur Doppelkopf? Da gab es doch mehr Wünsche. Es war kein Zufall, dass sie auf die „Freunde alter Menschen“ stieß. Schließlich sitzt der Verein im selben Haus. Er vermittelte ihr zwei hilfsbereite Menschen, die nun regelmäßig mit ihr das kulturelle Leben in Köln und um Köln herum erkunden. Neu dabei ist Kim Evans. Die Justizbeamtin wollte sich schon lange sozial und ehrenamtlich engagieren. Die 32-Jährige kommt aus Westfalen, dort lebt ihre Familie – Oma inklusive –, mit der sie „gut vernetzt“ ist. Dorthin zurück will sie aber nicht, und so denkt sie schon heute darüber nach: „Was wird aus mir, wenn ich einmal alt bin?“ Daher habe es nahegelegen, sich bei „Freunde alter Menschen“ zu engagieren.

Gemeinsam unterwegs

Mit Christel Esser versteht sie sich gut – was auf Gegenseitigkeit beruht. Der erste gemeinsame Ausflug ging ins Schokoladenmuseum. Er verlief zwar nicht so ganz wie geplant: So existierte das von einem Bekannten angepriesene „Film museum“ mit nostalgischen TV-Werbespots aus den 1960er und 70er Jahren schon lange nichtmehr. Aber das Naschen am Schokoladenbrunnen und das Sitzen im Museumscafé mit Blick auf den Rhein waren dann doch den Nachmittag wert. Für beide.

Auch Helmut Ortseifen ist seit Jahresbeginn ein regelmäßiger Begleiter von Christel Esser. Die beiden waren schon bei einem Vortrag im WDR oder haben sich im Polizeipräsidium einen Auftritt des Kölner Altentheaters angesehen. Auch Konzerte besuchen sie, obwohl die Geschmäcker verschieden sind. „Es ist gut, etwas Unbekanntes kennenzulernen“, sagt der frischgebackene Rentner. Und: „Es macht Spaß, etwas zu geben.“ Zumal er auch andere Hobbys hat: Gartenarbeit, Radfahren.


Kim Evans und Christel Esser beim Besuch des Schokoladenmuseums. Foto: Bettina Bormann

Vereinsname spricht für sich

Die drei sind also – so oder so – nicht einsam. Genau das ist das Ziel von „Freunde alter Menschen“. Gegründet wurde der Verein 1946 in Paris, um einsamen alten Menschen Kontakte zu verschaffen. Später wurde eine Filiale in Berlin eröffnet. Dort entdeckte sie Anfang der 1990er Jahre Klaus Pawletko, er baute das deutsche Netz auf. Um Beschönigungen entgegenzutreten, ist der Vereinsname mit Bedacht gewählt. Statt um Senioren oder „Silver Ager“ geht es tatsächlich „um alt gewordene Erwachsene, die lediglich ein paar mehr Falten haben“, sagt Pawletko.

Seit 2008 gibt es den Verein auch in Köln. Geschäftsführerin Ria Ostwald führt die „Tandems“ zusammen und betreut sie, rund fünfzig sind es zurzeit. Die ehrenamtlich Tätigen sind zwischen 20 und 76 Jahre alt. Sie sollen zuverlässig sein, mindestens einmal alle 14 Tage zwei Stunden Zeit haben, besser wöchentlich. Vor allem aber Geduld und Einfühlungsvermögen mitbringen.

Es passt – oder halt nicht

Die von ihnen besuchten „alten Menschen“ sind im Schnitt siebzig Jahre alt. In einer Probephase lernt man sich kennen. „Wenn man nicht miteinander klarkommt, ist das keine Schande“, es passe eben nicht immer, so Ria Ostwald. Und stellt klar: „Wir vermitteln keine Einkaufshilfen.“ Auch keine Betreuung von Demenzkranken. Stattdessen wolle man Menschen vor allem durch Gespräche, Spiele, Spaziergänge aus ihrer Einsamkeit holen. Eine Befindlichkeit, die vielen peinlich ist. „Es braucht Mut, sich zu melden und um Hilfe zu bitten“, weiß die Seniorenberaterin. Deshalb wenden sich auch oft Verwandte „im Auftrag“ an sie.

Dabei ist Alterseinsamkeit ein aktuelles Problem: Laut einer Studie der Uni Bochum leidet jeder fünfte Mensch über 85 Jahren an Einsamkeit, verbunden mit Depressionen und Ängsten. Darunter sind mehr Frauen als Männer, da sie – statistisch gesehen – länger leben. „Zuerst stirbt der Ehemann, dann die Geschwister, schließlich die Freunde“, beschreibt Klaus Pawletko deren Situation. Und die Kinder wohnen oft genug weit weg. Oder es fehlt ihnen an Zeit. Zum Glück aber gibt es Menschen wie Kim Evans und Helmut Ortseifen: die Freunde alter Menschen.

Freunde alter Menschen e. V. 

im Quäker Nachbarschaftsheim
Kreutzerstr. 5–9.

Ansprechpartnerin: Ria Ostwald
Tel. 0221 / 95 15 40 49

www.famev-koeln.de

 

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Tags: Begleitung , Einsamkeit

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