Leben in Köln

Tunnel, die Lebensadern unter dem Asphalt

René Denzer · 20.09.2022

Der Fernwärmetunnel verbindet die Leitungsnetze zwischen den beiden Rheinseiten. Foto: RheinEnergie

Der Fernwärmetunnel verbindet die Leitungsnetze zwischen den beiden Rheinseiten. Foto: RheinEnergie

Sie transportieren Verkehr und Fernwärme und sie bergen historische Schätze wie den Kronleuchtersaal. Lesen Sie über eine besondere Führung in die unterirdischen Röhren und Tunnel in Köln.

Das blaue Licht markiert die Mitte. „Das Besondere ist, dass wir hier unten sehr gut die Schiffe mit den Schraubgeräuschen hören können“, sagt Frank Straube vom Besucherservice der RheinEnergie. „Wir haben hier sozusagen ein U-Boot-Feeling.“

Energieversorger

„Hier unten“ ist im Fernwärmetunnel des Energieversorgers RheinEnergie. Der wurde von 1983 bis 1985 geplant und gebaut. Er hat eine Länge von 461 Metern, einen Innendurchmesser von drei Metern und verläuft unter dem Rhein. Zwischen Tunnel und Flussbett liegen noch 5,30 Meter Erdreich. Durch den Tunnel wird Fernwärme von der linken auf die rechte Rheinseite gebracht.

Produziert wird diese Fernwärme in zwei modernen Gas- und Dampf-Heizkraftwerken in Niehl. Bei Bedarf kann ein weiteres Heizkraftwerk in der Südstadt dazugeschaltet werden. In den Heizkraftwerken wird der Brennstoff – meist Erdgas – genutzt, um gleichzeitig Strom und Wärme zu generieren. Fernwärme wird nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung erzeugt: Wird Gas verbrannt, um in einem Kraftwerk elektrische Energie zu gewinnen, entsteht Wärme als eine Art Abfallprodukt.

Diese Abwärme kann wiederum Wasser erhitzen, das seinen Weg durch Leitungen zu den angeschlossenen Häusern findet. Dazu gehören in Köln auch rund hundert städtische Gebäude wie Museen, Schulen, das Historische Rathaus sowie das Stadthaus in Deutz. Dort gibt das Heizwasser zum Beispiel in Heizkörpern seine Wärme ab. Danach wird es zurück an das Heizkraftwerk geleitet. Dann beginnt der Kreislauf von neuem.

U-Bahn und Straßenverkehr

Nicht nur Wärme, sondern auch Fahrgäste der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) werden unterirdisch von A nach B gebracht. Allerdings nicht als reine U- Bahn, man setzte von Anfang an auf eine Stadtbahn, die sowohl unterirdisch als auch oberirdisch verläuft. Der erste unterirdische Stadtbahnabschnitt wurde am 11. Oktober 1968 eröffnet und verband mit rund 1,4 Kilometern Länge die Stationen „Dom/Hauptbahnhof“ und „Appellhofplatz/Breite Straße“.

Dabei war und ist der U-Bahn-Bau im dicht besiedelten Köln eine große Herausforderung. Damit die Baugrube trocken blieb, musste früher das Grundwasser abgesenkt werden – ökologisch bedenklich und kostspielig. Dazu kamen durch die offene Bauweise Auswirkungen auf den Straßenverkehr. Deswegen hieß es später „Deckel drauf“ – es wurde eine Tunneldecke betoniert. Unter ihr konnte weiter gebaut werden, während darüber der Verkehr rollte.

 

„Eine steinerne Stadt am Rhein aufzubauen war eine enorme logistische Leistung.“

Ralf Grüßinger, Kurator des Römisch-Germanischen Museums (RGM)

Das Historische Stadtarchiv

Doch mit den Jahren entwickelte sich die Technik weiter. 1991 wurde erstmals bei der U-Bahn-Haltestelle am Wiener Platz in Mülheim der sogenannte „Schildvortrieb“ eingesetzt. Dabei gräbt eine riesige Tunnelbohrmaschine mit einem Bohrer, dem „Schild“, unterirdisch die Röhre. Er ist eine rotierende, mit Meißeln und Schälmessern bestückte Scheibe. Das Erdreich wird über Rohre nach hinten aus dem Tunnel befördert.

Der Clou bei der Bauweise: Hinter dem Schild wird der Tunnel direkt Stück für Stück mit Stahlbetonfertigteilen ausgekleidet. Doch bei aller Technik, vor Fehlern ist man nicht gefeit. Beim Bau der Nord-Süd-Stadtbahn kam es am 3. März 2009 am Waidmarkt zur Katastrophe: Durch Baufehler brachen große Mengen an Wasser und Erdreich in die Baugrube ein. Zwei Menschen starben beim Einsturz eines Wohngebäudes, das Historische Stadtarchiv versank in einem riesigen Loch.

Archäologische Funde

Ebenfalls ein Problem bei Arbeiten im Untergrund: die Spuren von 2.000 Jahren Besiedlung, da die Trasse der Nord-Süd-Bahn durch den alten Stadtkern führt. Die Archäologie hat den Vortritt. Da ist es eine Herausforderung, Baubetrieb und Ausgrabungen zu koordinieren. Zwar verlaufen die Tunnelröhren unterhalb der archäologisch interessanten Schichten, aber nicht die Haltestellen, Technikräume oder Versorgungsschächte. Etwa 2,5 Millionen Funde sind zutage gekommen, die zum Teil ausgestellt werden.

Heute sind es rund 42 Gleiskilometer, die in Köln unter der Erde liegen und auf denen 53 U-Bahn-Stationen angefahren werden. Nicht 42, sondern über 95 Kilometer lang war die Eifelwasserleitung, die Köln ab der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus mit Frischwasser versorgte. Dafür gesorgt hatten die Römer. Sie waren es auch, die mit dem Erhalt der Stadtrechte 50 nach Christus ein richtiges Abwasserkanalsystem aufbauten, weiß Ralf Grüßinger, Kurator des Römisch-Germanischen Museums (RGM).


An dem römischen Kanalabschnitt auf dem Theo-Burauen-Platz ist dessen ausgereifte Bauweise zu erkennen. Foto: René Denzer

Römische Logistik

„Man muss sich das so vorstellen, dass in den Straßen Kanäle das Regen-, aber auch das Brauchwasser in Hauptsammler ableiteten“, so Grüßinger. Die verliefen abschüssig von Westen nach Osten in Richtung Rhein. Vier kennt man heute. Sie befanden sich unter der Augustinerstraße, Obenmarspforten, der Großen Budengasse und der sogenannten Hafenstraße. Auf dem Theo-Burauen-Platz steht ein Teil des Hauptsammlers, der unter der Großen Budengasse verlief.

Noch heute befindet sich ein über 100 Meter langes Teilstück davon unter der Straße. „Eine steinerne Stadt am Rhein aufzubauen war eine enorme logistische Leistung“, sagt Grüßinger. Denn in Köln gab es kein Baumaterial. Stein musste vom Drachenfels oder aus der Eifel herangeschafft werden. Auch größere Mengen Holz wird es in Köln nicht gegeben haben.

Trinkwasser und Abwasser

Er ergänzt: „Zur damaligen Zeit hatten die Römer ein enormes Wissen, was Bautechnik anbelangt.“ So waren die Kanäle mit wasserundurchlässigem Mörtel abgedichtet. „Stellen Sie sich vor, da bauen Sie steinerne Straßen und prächtige Tempel und beim ersten Sturzregen sackt Ihnen alles ab“, ergänzt Grüßinger.

Die Errungenschaften der Römer seien im Mittelalter jedoch in Vergessenheit geraten, sagt Stefan Schmitz von der Unternehmenskommunikation der Stadtentwässerungsbetriebe (StEB) Köln. Kanalisation? Fehlanzeige. „Es gab maximal rechts und links der Straße eine Rinne“, weiß Schmitz zu berichten. Darin sei das Abwasser, der Nachttopf und Essen entsorgt worden. Diese „Suppe“ sei dann wiederum in den nächsten Bach geflossen. „Und dummerweise aus diesem Bach hat man das Trinkwasser genommen.“ Da seien Krankheiten vorprogrammiert gewesen.

Heute jedoch könne man überall in Köln den Wasserhahn aufdrehen und es komme Trinkwasser heraus. „Man kann es, muss es aber nicht mögen – aber auf alle Fälle kann man es trinken“, sagt Schmitz.

Führung in den Kronleuchtersaal

Unter der Asphaltdecke der Kölner Straßen befinden sich nicht nur Kanäle, die Trinkwasser zu den Haushalten bringen, sondern auch solche, die Regen- und Schmutzwasser ableiten. Um zu sehen, wie so etwas aussieht, können Interessierte mit Schmitz eine Führung in den Untergrund machen. Dazu müssen sie eine Treppe mit 18 Stufen hinabsteigen. Die befindet sich an der Ecke Theodor-Heuss-Ring/Cleverstraße unter einer Metallplatte.

Am Ende der Treppe wird der Blick frei auf geklinkertes Gemäuer und eine Kreuzgewölbedecke mit eigens halbrund gebrannten Klinkern. Kurios wird es ein paar Meter weiter: Es öffnet sich ein Raum, rund fünf Meter hoch, an der Wand eine Gedenktafel – und von der Decke hängt ein Kronleuchter. Er gibt dem Ort seinen Namen: Kronleuchtersaal. Hier haben schon Konzerte und sogar ein Gottesdienst stattgefunden.


Der Kronleuchtersaal: Der Kanal links führt zum Stamm- heimer Klärwerk, der Überlauf rechts direkt zum Rhein. Foto: StEB

Entlastung bei Starkregen

Dass er bis heute ein funktionierender Bestandteil des Kölner Abwassersystems ist, wird am Geruch deutlich. „Wie stark es riecht, hängt immer von den Niederschlägen ab“, sagt Schmitz. Das Bauwerk sieben Meter unter der Erde wurde 1890 fertiggestellt, erzählt er.

Die Kölner hofften damals auf hohen Besuch bei der Einweihung. Doch der damalige Kaiser Wilhelm II. ließ sich zumindest in diesem Teil Kölns nicht blicken. Dabei hätte sich ein Besuch gelohnt. Der Kronleuchtersaal bedeutete technischen Fortschritt. Denn er ist ein sogenanntes Entlastungsbauwerk. Das heißt, wenn der Hauptkanal etwa durch Starkregen überflutet ist, kann das Wasser hier über den Rand der Staumauer steigen und über einen weiteren Kanal in Richtung Rhein fließen.

Fernwärmetunnel
Derzeit bietet die RheinEnergie keine Führung an.
Aktuelles unter Tel. 0221 / 346 45-300
www.rheinenergie.com

Kronleuchtersaal
Die StEB Köln bieten kostenfreie Führungen an, bei denen die Funktionsweise des Kanalsystems sowie die historische Bedeutung des Kronleuchtersaals erläutert werden.

Sa, 24. September, Sa, 22. Oktober, halbstündlich zwischen 13.30 und 17 Uhr.
Anmeldung unter Tel. 0221 / 221-2 68 68 oder per E-Mail an fuehrungen@steb-koeln.de

Römischer Abwasserkanal
Die oberirdisch aufgestellten Überreste der Kanäle auf dem Theo-Burauen-Platz und an der Hafenstraße (neben dem Römisch-Ger- manischen Museum) sind jederzeit zu besichtigen.
Weitere Infos: www.museenkoeln.de/archaeologische-zone

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Tags: Ausflugstipp , Kölner Stadtgeschichte

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