Leben in Köln

Waldlabor: Experiment ohne Peng

Susanne Neumann · 30.07.2020

Wer denkt da nicht an eine Glockenblume? Aber es ist die Blüte des Blauglockenbaumes, der Palownie.

Wer denkt da nicht an eine Glockenblume? Aber es ist die Blüte des Blauglockenbaumes, der Palownie.

Im Waldlabor in Marsdorf wächst der Wald der Zukunft heran. Hier werden Baumarten angepflanzt, die dem Klimawandel trotzen, alternative Energien liefern und den Stadtwald zukünftig bereichern könnten.

Monika Guckelsberger hat heute mit ihrem belgischen Schäferhund Timo das erste Stück des breiten, festenWeges hinein ins Waldlabor fast für sich. Die Junkersdorferin und ihr Begleiter sind regelmäßig hier. Sie schätze die Ruhe und dass sie den Hund laufen lassen könne, erzählt die 66-Jährige. „Und ich finde schön, was und wie alles hier angepflanzt ist.“

Besonders gut gefielen ihr die Blauglockenbäume mit ihren großen, zartrosa-bis lilafarbenen Blütenkelchen. Im April, noch bevor die ersten grünen Blätter austrieben, standen die hochgewachsenen Exoten in prachtvoller Blüte. Die formschöne Gestaltung eines Waldes und ihre Wirkung soll im Waldlabor erforscht werden.

Bewirtschaftung zukünftig

Und nicht nur das. Auf dem insgesamt 25 Hektar großen Gelände an der Bachemer Landstraße zwischen Stadtwald und der A4 untersucht die Kölner Forstverwaltung mit Unterstützung der Unternehmen Toyota und RheinEnergie, wie der Wald der Zukunft aussehen und wie er bewirtschaftet werden könnte.

„Den Begriff ‚Labor‘ haben wir ganz bewusst gewählt“, erklärt Dr. Joachim Bauer, stellvertretender Leiter des Amts für Landschaftspflege und Grünflächen der Stadt Köln. „Wie in einem Labor haben Sie eine bestimmte Fragestellung. Und dann mischen Sie die Zutaten und am Ende macht es entweder Peng oder Sie haben eine gute Medizin entdeckt.“


Monika Guckelsberger und ihr Timo sind viel undgerne im Waldlabor unterwegs. Foto: Susanne Neumann

Thematische Wälder

So ist das Waldlabor Versuchsfeld für insgesamt vier Themenbereiche: Im „Wandelwald“ wurde das Hauptaugenmerk auf die ansprechende Gestaltung von Wald als Erholungsraum gelegt. Der „Wildniswald“ dagegen entsteht auf einer zuvor ackerbaulich genutzten Fläche, die komplett sich selbst überlassen wird.

Im „Energiewald“ wird Holz als nachwachsende Energiequelle erzeugt. Und im „Klimawald“ werden neue Baumarten für den Stadtwald getestet. Denn der Klimawandel wirft die Frage auf, welche Baumarten dort zukünftig noch gedeihen. Klimaforscher rechnen für die hiesigen Breiten mit steigenden Temperaturen, Trockenheit und anhaltender Hitze in der Vegetationsperiode, also während der Wachstumsphase der Bäume. „Viele alte Baumbestände brechen uns weg“, erklärt Bauer.



Potenziale entdecken

Der Blauglocken- oder Kiribaum könnte so ein Baum sein, der zukünftig den Stadtwald bereichern wird. Abgeleitet von seinem botanischen Namen Paulowniatomentosa heißt er auch Paulownie und stammt aus dem ostasiatischen Raum. Sein Holz sei relativ hart, aber ganz leicht, erklärt Stadtwaldförster Michael Hundt. In Asien werde es für Möbel geschätzt. „Sie wächst schnell, hat super Holz und eine attraktive Blüte“, fasst der Förster das Potenzial der Paulownie zusammen. „Und alle Probleme, die wir hier haben, haben sie nicht umgebracht.“

Die Paulownie zählt zu den sechs Baumarten, die im Waldlabor verteilt auf jeweils einer Fläche von 50 mal 50 Metern sogenannte Einart-Haine bilden. Auf den anderen Flächen wachsen jeweils Mehlbeere, Walnuss, Flaumeiche, Elsbeere und Küstentanne. Sie alle gelten nach aktuellem Erkenntnisstand als besonders widerstandsfähig gegenüber Trockenheit und wurden deshalb für den Klimawald ausgesucht.


Der Stadtwaldförster Michael Hundt fühlt sich auch im Waldlabor mit seinen „neuartigen“ Bäumen wohl. Fotos: Susanne Neumann

Baumarten wechseln

Und das mit Erfolg: Trotz der besonders trockenen Jahre 2016, 2018 und 2019 gedeihen die neuen Baumarten gut an ihrem Standort. Das hat auch eine Untersuchung von Forstwissenschaftlern der Technischen Universität Dresden ergeben. „Wir haben hier auf den ehemaligen Ackerflächen aber auch super Böden“, ergänzt Hundt.

Doch nichts ist vollkommen: So machten etwa Spätfröste im Frühjahr den prächtigen Blüten der Paulownie den Garaus. Dennoch: Wo in den städtischen Wäldern die bislang vorherrschenden Arten, etwa die Buche, mehr und mehr Probleme bekommen, könnten zukünftig Walnuss oder Esskastanie ihren Platz einnehmen. Oder am lichten Waldrand Mehl- oder Elsbeere. „Das wird nicht mehr der Wald sein, wie wir ihn kennen“, ist sich Bauer sicher.


Schmale, schattige Wege führen durch den Wandelwald, hier etwa an Kirschen und Birken vorbei. Fotos: Susanne Neumann

Nachhaltig und lokal

Förster Hundt hat dabei auch das forstwirtschaftliche Potenzial neuer Baumarten im Blick. Wenn Holz aus Köln nachhaltig hergestellt und lokal angeboten werde ,habe das schließlich auch einen hohen umweltfreundlichen Wert. Wie im Energiewald. Er umfasst große Plantagen aus schnell wachsenden Weiden und Pappelsorten, die „Kurzumtriebsplantagen“ genannt werden.

Alle drei bis fünf Jahre werden sie „auf den Stock“ gesetzt, das heißt am Boden abgeschnitten. Das weiche Holz wird gehäckselt, um damit Wärme und Strom zu erzeugen. Dies geschieht direkt beim Projektpartner RheinEnergie. Zweimal sei in den vergangenen zehn Jahren bereits geerntet worden, berichtet Bauer. „Das ist immer sehr spektakulär. Da kommt ein Riesenfahrzeug– sieht aus wie ein Mähdrescher – und schneidet die Schösslinge ab.“ Die nächste Ernte stehe im kommenden Herbst an.


Tafeln erklären die Baumarten, ihre Vorzüge und Herkunft. Fotos: Susanne Neumann

Wandeln auf weichen Pfaden

Wer das Waldlabor wie Monika Guckelsberger über den Hauptzugang nahe der Stadtbahnhaltestelle „Stüttgenhof“ betritt, gelangt geradewegs in den Wandelwald. Auf einer lichten Fläche wachsen vereinzelt Douglasien und Küstentannen. Nach wenigen Schritten kreuzt ein mit Rindenmulch ausgelegte rRundpfad, der zum Wandeln durch einen sich wandelnden Wald einlädt.

Denn schon bald ändert sichder Anblick: Dichte Bestände von Sandbirke, Vogelkirsche, Elsbeere, Feldahorn, Eibe oder Esskastanie wechseln sich ab. Im Wandel der Jahreszeiten bieten sie ein abwechslungsreiches Bild und erzeugen jeweils eine ganz eigene Atmosphäre. „Wenn Sie in einem reinen Birkenwald sind, haben Sie eine ganz andere Stimmung, als wenn Sie in einem dunklen Nadelwald sind“, erläutert Bauer die Idee hinter der Gestaltung.


Formschön und nützlich: die Blüte des Blauglockenbaumes, der Palownie. Fotos: Susanne Neumann

Auszeichnung für Biologische Vielfalt

Bei so viel Abwechslung wundertes nicht, dass das Waldlabor jüngst den Titel „Ausgezeichnetes Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt“ verliehen bekam. Zumal auch die Tierwelt hier natürliche Rückzugsräume und reichlich Nahrung findet.

Die dichten Plantagen dürfen betreten und erforscht werden. Dort, tief im Wald versteckt, warten Pflanzenskulpturen, Räume mit Möbeln aus Blättern und Zweigen und Weidenlabyrinthe darauf, entdeckt zu werden. Doch man muss sich beeilen, will man die Objekte finden – denn bei der nächsten Holzernte werden auch sie thermisch verwertet.

Informationen zum Waldlabor

Die Begehung ist jederzeit möglich. Anfahrt: Den kürzesten Zugang bietet die Stadtbahnlinie 7, Haltestelle „Stüttgenhof“.
Auto: Bachemer Landstraße, Höhe RWE Gebäude (ehemals Rheinbraun). Der Parkplatz der RWE ist am Wochenende nutzbar.

Nächster Führungstermin:

Dienstag, 22.9., 17 Uhr.

Informationen beiMarkus Bouwman
Tel. 0221 / 221-2 51 51.
Webseite: www.koeln-waldlabor.de

Informationen zur Auszeichnung auf: www.undekade-biologischevielfalt.de

Hilfe für Kölner Bäume
Besonders die Jungbäume in Kölns Straßen sind mangels Wurzeln bei Hitze und Trockenheit gestresst. Aber auch die Bäume, die in Pflanztrögen oder auf Tiefgaragen stehen. WerdenSie Gießpate! Sie erhalten einen Wassersack mit Standrohr für die Befüllung vor Ort. Am Baumstamm platziert, gibt er tröpfchenweise Wasser ab. Melden Sie sich per E-Mail bei 67-anforderung-wassersack@stadt-koeln.de.
Webseite: www.stadt-koeln.de/mitgestalten.
Lesen Sie mehr im Beitrag: Steter Tropfen - Bewässerung der Kölner Bäume

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Tags: Grüne Stadt Köln , Klimawandel