Pflege
Wer kümmert sich um pflegende Angehörige?
Sabrina Steiger · 10.09.2026
Foto: iStock-2159172682© PIKSEL
Acht Jahre hat Regina Meyer (Name geändert) zusammen mit ihrem Bruder den Vater gepflegt, ihn trotz Unterstützung eines Pflegedienstes gebettet, gewaschen und trockengelegt. „Ich hatte oft Migräne, habe abgenommen, war kraftlos.“ Und dann die zunehmenden Einsätze in der Nacht: „Das schlaucht.“ Als sie eines Morgens nach solch einer durchwachten Nacht nach Hause kam, schloss sie sich erstmal ins Badezimmer ein: „Da habe ich losgeweint.“
Meyer ist nicht allein mit dieser Erfahrung. 32 Prozent der pflegenden Angehörigen entwickeln psychische, 22 Prozent körperliche Beschwerden, wie eine Umfrage der Online-Plattformen Doctolib und Pflege ABC unter 1.026 Befragten im Jahr 2025 ergab. Dabei werden pflegende Angehörige nicht umsonst oft der „größte Pflegedienst“ genannt: 86 Prozent aller Pflegebedürftigen in Köln werden laut Pflegestatistik zu Hause gepflegt; 72 Prozent allein von ihren Angehörigen.
Dr. Sarah Hampel vom Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) beschäftigt sich mit den Strapazen pflegender Angehöriger und ihren Möglichkeiten, damit umzugehen. „Es gibt fünf verschiedene Arten von Belastungen“, erklärt sie, „körperliche, seelische und soziale, aber auch zeitliche und finanzielle.“ Besonders beansprucht seien Angehörige von Menschen mit Demenz, doch im Prinzip könne das für alle pflegenden Angehörigen gelten. Wichtig aber: Manche könnten auch Positives aus ihrer Aufgabe ziehen: „Sie empfinden zum Beispiel durch die Pflege mehr Nähe zu ihrer Mutter“, sagt Dr. Hampel, „oder entdecken ganz neue Fähigkeiten an sich selbst.“
Körperlicher Belastung entgegenwirken
Gerade die körperliche Pflege eines Angehörigen kann die eigenen Muskeln und Knochen angreifen. Wichtig ist es deshalb, die richtigen Handgriffe zu kennen. Die Pflegeversicherung zahlt Angehörigen Pflegekurse, in denen sie lernen, wie sie die Eltern oder die Partner an- und auskleiden, vom Rollstuhl auf den Stuhl setzen und richtig im Bett lagern. Solche Kurse vermitteln Sicherheit im Umgang mit den Pflegebedürftigen und schonen alle Beteiligten.
Hohe zeitliche Belastung
„Mein größter Wunsch ist, wieder einmal eine Nacht durchzuschlafen“ oder „Ich möchte endlich mal wieder in Ruhe essen gehen“. So hört das Martina Romeike bei einer Telefonaktion, die sie einmal im Jahr beim „Regionalbüro für Alter, Pflege und Demenz Köln und das südliche Rheinland“ organisiert. Besonders Menschen mit Demenz fordern ihre Angehörigen zeitlich enorm; sie sind rund um die Uhr mit deren Tagesstrukturierung, Motivation und Beaufsichtigung beschäftigt.
Romeike bestärkt pflegende Angehörige darin, Entlastungsangebote in Anspruch zu nehmen. Mit der Idee, selbst Unterstützung zu brauchen, täten diese sich oft schwer. „Für viele ist es ganz selbstverständlich, die Pflege des Partners oder der Eltern zu übernehmen“, sagt Romeike. Doch Vorsicht: „Der Akku muss immer wieder aufgeladen werden, um weiter für die Pflegebedürftigen da sein zu können.“ Das Regionalbüro bietet zum Beispiel mit der AOK und der Pflegeselbsthilfe NRW die Reihe „Zeit für mich“ an: In Online-Vorträgen mit Titeln wie „Grenzen setzen“ lernen die Teilnehmenden, wie sie schöne und erfüllende Momente für sich selbst planen. Wer Menschen in ähnlicher Situation treffen möchte, kann das anschließend in mehrwöchigen Vertiefungsseminaren tun.
„Es gibt fünf verschiedene Arten von Belastungen: körperliche, seelische und soziale, aber auch zeitliche und finanzielle.“
Dr. Sarah Hampel vom Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA)“
Und für ein paar Stunden Freiraum in der Woche gibt es das städtische Angebot der Entlastungsbesuche bei demenziell und somatisch Erkrankten „Geschulte Ehrenamtler kommen ein- bis zweimal in der Woche und verbringen Zeit mit den Kranken“, beschreibt Claudia Esser vom Amt für Soziales, Arbeit und Senioren die wertvolle Auszeit für Pflegende. Zeitliche und körperliche Entlastung ist auch eine Frage des Geldes. Pflegende Angehörige können sich von einem ambulanten Pflegedienst unterstützen lassen oder ihre Angehörigen stundenweise in einer Tagespflege unterbringen – eine wertvolle Hilfe im familiären Pflegealltag. Allerdings zahlt die Pflegeversicherung nur einen Zuschuss, den Rest müssen die Pflegebedürftigen selbst aufbringen. Wer das nicht schafft oder gar keinen Anspruch hat, kann bei der Stadt Köln „Hilfe zur Pflege“ beantragen.
Wichtig: Die Kinder werden erst ab einem Jahreseinkommen über 100.000 Euro netto für die Pflegekosten herangezogen.
Hohes Risiko für Altersarmut
Doch der Großteil der Pflegebedürftigen in Köln wird von Angehörigen allein gepflegt – 56.907 waren es Ende 2023. „Viele reduzieren dafür ihre Arbeitszeit und verdienen weniger“, beschreibt das Dr. Hampel. Denn der Gesetzgeber hat eingeführt, dass man sich in diesem Fall für sechs Monate ganz oder für zwei Jahre teilweise unbezahlt beurlauben lassen kann. Der Verdienstausfall soll mit einem zinslosen Darlehen über das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) überbrückt werden. Auch das von der Pflegeversicherung an die Pflegebedürftigen gezahlte Geld für die häusliche Pflege, das je nach Grad zwischen 347 und 990 Euro im Monat (Stand 2026) beträgt, könnte Verdienstausfälle abfedern. Da die Weitergabe auf Freiwilligkeit beruht, geschieht dies nicht immer. Oft wird es für Finanzierungslücken beim Pflegebedarf verwendet.
Das Fatale: Mit dem geringeren Verdienst sinkt die Rentenerwartung der Pflegenden. Deren Risiko, im Alter nicht über die Runden zu kommen, steigt. Um dem entgegenzuwirken, zahlt die Pflegeversicherung Beiträge zu deren Rentenversicherung. Anspruch hat, wer für die Pflege mindestens zehn Stunden in der Woche an zwei verschiedenen Tagen aufwendet und nicht mehr als dreißig Stunden versicherungspflichtig arbeitet. Die Höhe der Beiträge wächst mit dem Pflegegrad der Pflegebedürftigen. Hierzu genügt ein formloser Antrag bei der Pflegekasse und der Nachweis über die Teilzeit.
Hilfe bei seelischer Belastung
Die eigenen Eltern oder den Lebenspartner dahinschwinden zu sehen – das ist schwer. Dr. Simon Eggert vom Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) beschreibt die seelische Ausnahmesituation so: „Es geht dabei auch um schwierige Themen: um eine Lebenssituation von nahestehenden Menschen, in der diese eventuell leiden, sich einsam fühlen, frustriert oder gar lebensmüde sind. Das muss man dann alles aushalten.“ Auch den Rollenwechsel gilt es zu bewältigen und Scham zu überwinden. Regina Meyer musste dem Vater, der früher für sie gesorgt hat, irgendwann die Windeln wechseln – was diesem sehr unangenehm war. „Wir haben dann versucht, es mit Humor zu nehmen“, erinnert sie sich.
Helfen kann es auch, über die Scham, die Trauer oder die Überlastung zu reden – zum Beispiel in Selbsthilfegruppen. Das Kontaktbüro Pflegeselbsthilfe leitet solche Gruppen und hilft beim Aufbau. Es vermittelt auch eine psychologische Beratung für pflegende Angehörige. Und im Herbst wird es in der Reihe „Zeit für mich“ ein Seminar zum Thema „Weiße Trauer“ anbieten – damit bezeichnet man den Abschied auf Raten, wenn der Angehörige noch lebt, aber die Persönlichkeit sich stark verändert. Diese Erfahrung setzt vielen engen Familienmitgliedern zu.

In Selbsthilfegruppen findet man Trost und Stärkung unter Gleichbetroffenen. Foto: iStock.com/izusek
Überdies sind da noch die Präventionskurse, die viele gesetzliche Krankenkassen ihren Versicherten kostenlos bieten, etwa zu Stressbewältigung, Qigong oder Rückenschule. Sie können pflegenden Angehörigen helfen, mit verschiedenen Arten der Beanspruchung umzugehen.
Soziale Isolation überwinden
Pflege macht einsam. Das eigene Hobby, den Sportkurs oder das Treffen mit Freundinnen lassen pflegende Angehörige als Erstes ausfallen. Dazu kommt, dass sie im Umfeld auf wenig Verständnis stoßen. Auch hier helfen Angehörigengruppen wie etwa im „Nachbarschaftshaus Ehrenfeld“. Monika (Name geändert) war jetzt schon mehrmals hier und berichtet von Freunden, die sich alle zurückgezogen hätten: „Was es heißt, rund um die Uhr mit einem Kranken zusammenzuleben, kann keiner nachvollziehen.“ E
lisabeth Igelmund-Schmidt betreut die Gruppe professionell, steuert Informationen bei und gibt viel Zuspruch. Pflegende Angehörige bräuchten vor allem Anerkennung, meint sie, schließlich würde die Gesellschaft ohne sie nicht funktionieren. „Sie machen eine unglaublich gute Arbeit für uns alle“, sagt sie und meint neben dem unermüdlichen Einsatz von Angehörigen auch den von Nachbarn und Freunden.

Entspannung ist extrem wichtig, um die Belastungen gesund zu überstehen. Foto: iStock.com/Miljan Živković
Selbstfürsorge ist das A und O
Regina Meyers Vater ist vor fünf Jahren gestorben. Jetzt pflegt sie die über 90-jährige demente Mutter. Aber diesmal achtet sie mehr auf sich: tauscht sich regelmäßig mit Menschen in ähnlicher Situation aus, hält Kontakte zu Freunden aufrecht. Sie hat gelernt, dass auch sie Pausen braucht, „sonst geht man ir- gendwann am Stock“. Einmal in der Woche macht sie deshalb Sport. Ihr Mann, die Kinder und die Enkel wissen, dass dieser Abend ihr gehört. Für ihre Mutter bleibt das Handy trotzdem an.
ADRESSAUSWAHL VON KURSEN UND GRUPPEN
Alle Adressen rund um Pflege beim Beratungstelefon für Senior*innen und Menschen mit Behinderung,
Tel. 0221 / 221-2 74 00 (Mo–Do 9–13 Uhr).
Datenbanksuche: www.stadt-koeln.de/beratungstelefon
Auswahl an Pflegekursen:
Städtische Kliniken, Krankenhaus Merheim
Ostmerheimer Str. 200,
Tel. 0221 / 89 07-188 20
„Familiale Pflege“ in Kooperation mit der AOK:
kostenfreie Kleingruppenkurse, individuelle Beratung, Angehörigengruppen.
Nächste Kurstermine:
Mo, 5.–Do, 8.10. und Mo, 7.–Do, 9.12.
www.kliniken-koeln.de;
Infos zum Thema Pflegeberatung
Cellitinnen-Krankenhäuser:
Informationen zur „Familialen Pflege“ wie Pflegetrainings, individuelle Pflegeberatung und Gesprächsgruppen für alle Häuser:
Tel. 0221 / 16 29-15 33, Frau Romano.
Zwei Beispiele:
St. Vinzenz
Merheimer Straße 221–223
„Pflegekurse kompakt“:
Anmeldung: Tel. 0221 / 77 12-41 77
Nächste Termine: zweitägig,
Mi, 17. und 24.9. oder Sa, 14. und 21.11., jeweils 10–15 Uhr.
www.vinzenz-hospital.de
Infos zum Thema Pflegekurse
Severinsklösterchen
Jakobstr. 27–31
„Pflegekurs kompakt“:
Anmeldung: 0221 / 33 08-50 10
Nächste Termine: zweitägig,
Mo, 16. und Di, 17.11., jeweils 16–20 Uhr.
Gesprächskreis Demenz, jeweils Do, 16–18.30 Uhr: 17.9., 29.10., 26.11., 17.12.
www.severinskloesterchen.de,
Infos zum Thema Familiale Pflege
Uniklinik Köln
Patienteninformationszentrum (PIZ),
Tel. 0221 / 478-8 28 20
Pflege-Training: jeden 1. Mittwoch im Monat, 14–17 Uhr.
Online-Anmeldung: www.uk-koeln.de
Infos zum Thema Schulungen
Pflegewerk Köln Nord gGmbH
Info-Abende zu Gruppenpflegekursen:
Mi, 9.9. und 16.9., 17.30 Uhr,
Berrenrather Str. 136,
Anmeldung: 0221 / 28 58 18-291
www.pflegewerk.com Gruppenpflegekurse
Johanniter
Online-Pflegekurse zu vielen speziellen Fragen:
www.johanniter-pflegecoach.de
Kostenlose App „mitpflegeleben“ zu Pflegewissen, Anträgen und Dokumentation: www.johanniter.de,
Infos zum Thema Pflege
„Zeit für mich“:
kostenlose Angebote der AOK für alle, Online-Selbsthilfe-Programm „Familiencoach Pflege“,
Tel. 0211 / 87 91-282 54
www.aok.de
Infos zum Thema Pflegekurse
Weitere Hilfen und Informationen:
Entlastungsbesuche für Familien mit Demenzkranken: www.stadt-koeln.de/artikel/06965/index.html
Entlastungsbesuche für Familien mit somatisch Erkrankten:
rechtsrheinisch: DRK,
Tel. 0221 / 680 89 219
www.drk-koeln.de
entlastende Hilfe linksrheinisch: SBK,
Dienst SenioAss,
Tel. 0221 / 77 75-51 02 w
ww.sbk-koeln.de , SenioAss
Regionalbüro Alter, Pflege und Demenz Köln und das südliche Rheinland
Informationsangebote für Angehörige wie der Kurs „Leben mit Demenz“,
Tel. 02203 / 358 95-10/-11
Online-Vorträge mit der AOK und Pflegeselbsthilfe NRW:
Weiße Trauer: Do, 1.10., 10–11.30 Uhr und Do, 8.10., 19–20.30 Uhr;
Gesund bleiben im Pflegealltag: Di, 6.10., 10–11.30 Uhr und Mi, 7.10., 19–20.30 Uhr.
www.alter-pflege-demenz-nrw.de
Regionalbüros Kontaktbüro Pflegeselbsthilfe Köln
Selbsthilfegruppen für pflegende Angehörige, vermittelt auch psychologische Beratung:
Tel. 0221 / 95 15-42 33
www.paritaetischer-koeln.de
Infos zum Thema Pflegeselbsthilfe
Kostenloser Ratgeber für Angehörige
„Für Menschen mit Demenz – Orientierung und Hilfe für pflegende Angehörige“
Die Broschüre kann telefonisch unter 0211 / 86 20 66-0 oder online auf www.alzheimer-forschung.de/angehoerige bestellt werden.
Tags: Adressen , Altersarmut , Einsamkeit , Pflege , Pflegedienst , pflegende Angehörige , Seelische Belastung , Selbstfürsorge