Leben in Köln

Kultursensible Pflege im Seniorenheim

Redaktion · 23.04.2021

Das Team des Sozial-Betriebe-Köln (SBK). Foto: SBK

Das Team des Sozial-Betriebe-Köln (SBK). Foto: SBK

Pflegebedürftige, die aus anderen Kulturen stammen, sollen ihre Gewohnheiten und Weltanschauungen auch im Heim leben können. Vorbildlich wird dies in einem Seniorenzentrum der Sozial-Betriebe-Köln (SBK) umgesetzt.

Wenn in dem Mülheimer Pflegeheim ein neuer Tag beginnt, begrüßen viele Mitarbeitende die türkischstämmigen Bewohner mit „Günaydın“ – „guten Morgen“. „Solche vermeintlichen Kleinigkeiten vermitteln Zugewandtheit und Nähe. Das ist für unsere Arbeit entscheidend“, sagt Sozialarbeiterin Gaye Yilmaz. Ältere Menschen würden im Türkischen zudem eher geduzt, mit dem Nachsatz „Onkel“ oder „Tante“. „Würde ich sie siezen, empfänden das viele als distanziert.“ Das sei bei den deutschen Bewohnern anders.

Auch viele der deutschstämmigen Pflegekräfte achteten auf solche Details, erläutert Renate Jülicher, die Leiterin der Einrichtung. Viele machten gute Erfahrungen mit solchen kleinen Gesten und ein paar Brocken Türkisch, die Offenheit und Respekt für die türkische Kultur signalisieren. Sie selbst, fährt Jülicher fort, heiße die Senioren bei gemeinsamen Festen auch auf Türkisch willkommen. Dabei ist es Brauch, zur Begrüßung Duftwasser und Süßigkeiten anzubieten.



Es ist türkischer Brauch, zur Begrüßung Duftwasser und Süßigkeiten anzubieten. Foto: SBK

Türkische Muttersprache

Die Grußformeln in beiden Sprachen und die kleinen Festrituale sind Beispiele dafür, wie „kultursensible Pflege“, so der Fachbegriff, im Alltag aussieht. Das Konzept praktizieren die Pflegenden in Mülheim seit 2009. Weil in diesem Bezirk besonders viele der etwa 93.500 Kölner Menschen mit türkischen Wurzeln leben, haben sich Jülicher und ihr Team auf diese Gruppe spezialisiert.

In der ersten und zweiten Etage des Zentrums wohnen jeweils 27 deutsch- und türkischstämmige Menschen gemeinsam, insgesamt ist etwa ein Drittel der Bewohner türkischer Herkunft. Da ihre Altersgruppe zu den ersten Einwanderern gehörte, sprechen manche, besonders Frauen, kaum Deutsch. Daher ist immer türkischsprachiges Personal zum Sprechen oder Übersetzen da. Liane Schenk, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité in Berlin, betont: „Die Sprache spielt für die Pflegebedürftigen eine zentrale Rolle. Darüber lassen sich emotionale und soziale Verbundenheit besser vermitteln.“

Kulinarisches an Pessach und Ostern

Ihre Forschung bestätigt, dass 80 Prozent der „Gastarbeitergeneration“ ihre Deutschkenntnisse als mäßig bis sehr schlecht einschätzen. Wer die Einrichtung besucht, bemerkt die Umsetzung der kultursensiblen Pflege an vielen Details: Ein Willkommensschild in zwei Sprachen begrüßt die Besucher gleich am Eingang. In einem separaten Bereich der SBK-Großküche bereitet türkisches Personal landestypische Speisen zu.

Auch beim Frühstück und Abendessen geht es auf die kulinarischen Wünsche der Bewohner ein und reicht zum Beispiel ein herzhaftes Frühstück mit Schafskäse, Paprika und Oliven. „Das möchte ich auch haben!“, höre man dann schon mal auf Kölsch von den deutschen Bewohnern, erzählt Gaye Yilmaz. Der Gebetsraum werde zwar selten in Anspruch genommen, stehe aber, wie sämtliche Angebote, allen offen, erklärt Renate Jülicher.

So feierten alle, die möchten, Zucker- und Opferfest sowie Weihnachten und Ostern gemeinsam. Oder kochten zusammen. Der Besucherraum biete Platz für die oft größeren türkischen Familien, für die es selbstverständlich ist, ihre Verwandten häufig zu besuchen. „Der Raum wird aber auch von deutschen Bewohnern gerne für Geburtstagsfeiern genutzt“, so Jülicher.


Kulinarische Vielfalt für alle: Schon das Buffet wirkt einladend. Foto: SBK

Unterschiede im Pflegebedarf

Nach Problemen befragt, antwortet Yilmaz entschieden: „Keine, die mit der Kultur oder Religion zu tun haben.“ Auseinandersetzungen gebe es hin und wieder, wenn ein Senior im Gemeinschaftsraum deutsche, der andere türkische Nachrichten anschauen möchte. Solche Alltagskonflikte ließen sich leicht lösen, jedes Einzelzimmer bietet deutsche und
türkische Programme. Und gravierendere Unterschiede? „Die gibt es durchaus“, sagt Renate Jülicher. So sei der
Pflegebedarf bei den türkischstämmigen Bewohnerinnen und Bewohnern durchschnittlich höher, weil sie meist später in die Einrichtung kämen.

Gaye Yilmaz ergänzt: „Bei türkischen Familien ist es normal, die Pflege so lange wie möglich selbst zu übernehmen.“ Das führt manchmal dazu, dass Menschen mit weit fortgeschrittenen Demenzerkrankungen, die ausgeprägt aggressiv seien oder häufig wegliefen, nicht mehr aufgenommen werden können. Die SBK verweisen dann an spezialisierte gerontopsychiatrische Einrichtungen, die die Bedürfnisse der Erkrankten besser erfüllen können.

Beratung bei Speisen und Unterbringung

„Auch die Scham beim Thema Pflege ist nach wie vor deutlich spürbar“, sagt Renate Jülicher, „wobei wir auch hier Veränderungen wahrnehmen.“ Denn Pflegebedürftigkeit und Heimunterbringung seien bei türkischen Familien oft noch ein Tabu. Angehörige müssten sich häufig vor ihren Verwandten in der Türkei rechtfertigen, das erzeuge einen gewissen sozialen Druck. Der wird durch die „Transnationale Migration“, wie Wissenschaftlerin Schenk es nennt, verstärkt: Durch Flugreisen und Handys bleiben die Menschen hier und dort enger im Austausch.

Da wollen es die Angehörigen dann ganz genau wissen, etwa wie die Speisenversorgung aussieht und dergleichen, bevor man sich für eine Heimaufnahme entscheidet. Dennoch informieren sich viele Angehörige türkischstämmiger Menschen früher und intensiver als noch vor einigen Jahren, melden ihre Verwandten auch häufiger vorsorglich an. Der Beratungsbedarf, etwa zur Finanzierung, sei oft etwas größer, auch die Begleitung kurz nach dem Einzug nehme häufig etwas mehr Raum ein, so Yilmaz.

Bei der Pflege selbst spielten, so Jülicher, kulturelle Besonderheiten allerdings keine große Rolle, hier komme es vor allem auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohnenden an. So möchten zum Beispiel auch manche deutschen Bewohnerinnen nicht gerne von männlichen Pflegekräften umsorgt werden.


Das rituelle Gebet ist für alle Muslime verpflichtend. Dafür steht ein Gebetsraum zu Verfügung. Foto: SBK

Mehr Einrichtungen für religiöse Menschen

Das Konzept der kultursensiblen Pflege sieht Jülicher in ihrem Haus gut umgesetzt. Mit Blick auf die Kölner Pflegelandschaft sei dies aber ein „Tropfen auf den heißen Stein“. Zwar gebe es mehr und mehr spezielle Einrichtungen für Menschen aus bestimmten Ländern oder bestimmten Religionen. Denn das Bedürfnis nach kultursensibler Pflege ist auch im Sozialgesetzbuch, § 1 Abs. 5 SGB XI, verankert. Ein vergleichbares integratives Konzept sei aber die Ausnahme – und das sogar international. „Wir haben häufig Delegationen zu Besuch, die sich über unseren Ansatz informieren, aus Österreich und anderen europäischen Ländern und sogar aus China.“

Gerade solche integrativen Konzepte seien richtungsweisend, unterstreicht Liane Schenk von der Charité. „Mit der Zeit schleifen sich Kulturspezifika ab. Separate Modelle sind daher immer weniger gefragt“, betont sie. Jülicher unterstreicht, es zeige sich schnell, wie bereichernd das Zusammenleben zwischen den Kulturen sein kann – für Bewohnende und Beschäftigte gleichermaßen.

Kontaktdaten für Beratung, ambulante Pflegedienste und stationäre Einrichtungen gibt es beim Zentralen Beratungstelefon: 0221 / 221-2 74 00.

Beratungs- und Betreuungsstellen für alle Nationalitäten:

Caritasverband für die Stadt Köln e. V.
Fachdienst für Integration und Migration
Bertramstr. 12–22,
Tel. 0221 / 985 77-620
www.caritas-koeln.de

für Menschen mit türkischen Wurzeln:
Städt. Senioren- und Behindertenzentrum Köln-Mülheim der Sozial-Betriebe-Köln gGmbH (SBK)
Tiefentalstr. 68–70
Tel. 0221 / 77 75-21 01, Renate Jülicher
www.sbk-koeln.de

AWO Kreisverband Köln e. V.
Projekt „Demenz & Migration“ und Veedel für alle/Semtimiz Ehrenfeld Seniorenzentrum Theo-Burauen-Haus
Peter-Bauer-Str. 2
Tel. 0221 / 57 33-2 15,
Bagnu Yazici
www.awo-koeln.de

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Tags: Integration , Pflege- und Heimplätze

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