A- A A+

Kultur

Zeitgenössischer Tanz in Köln feiert das Alter

Martina Windrath · 22.10.2026

Foto: Peter Pöschl

Foto: Peter Pöschl

Ungewöhnliche Tanzprojekte schaffen neues Körperbewusstsein und Öffentlichkeit für den alternden Körper. Ein Gespräch mit der Choreographin und Teilnehmenden in Köln-Ehrenfeld.

Wie ein Schwarm Fische bewegt sich eine Gruppe älterer Menschen im gleichen Rhythmus und zieht mit schwimmenden Armbewegungen Bahnen durch die Straßen Ehrenfelds. Die Tänzerinnen und Tänzer hüpfen klatschend im Takt der Musik durch den Bahnhof, wiegen sich wie ein Getreidefeld im Wind auf einem Platz, lassen ihre grauen Haare wehen – und erregen Aufmerksamkeit. Bevor sie genauso schnell wieder abtauchen, wie sie gekommen sind.

Der alternde Körper

„In Verbindung mit Aktion, Spaß und Bewegung wird hier Alter sichtbar. Ein ungewohnter Anblick in der Öffentlichkeit“, erklärt die Studioleiterin mit dem Künstlernamen Silke Z. Sie macht solche Auftritte möglich. Das Projekt „Schwärmerei“ wird im Rahmen der Reihe „The Ageing Body“, übersetzt „Der alternde Körper“, angeboten.

Es ist Teil der Angebote der „ehrenfeldstudios“ für zeitgenössischen Tanz. In Workshops und mehrtägigen sogenannten Forschungslaboren erkunden die etwa 55- bis über 80-jährigen Teilnehmer ihre künstlerisch-tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten. „Wir wollen das Alter feiern und sichtbarer machen“, betont Silke Z., die auch für die Choreografie verantwortlich ist, mit Blick auf das einzigartige Angebot. „Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, alle sind willkommen.“


In der Labor Gruppe erkunden die Teilnehmenden ihren individuellen Ausdruck. Foto: © Peter Pöschl

Bevor die Gruppe in Aktion geht, erklärt die 55-Jährige ihr das inzwischen bewährte Konzept: „Wenn ihr vor euch niemanden seht, seid ihr der führende Fisch im Schwarm. Macht eure Bewegungen langsam. Es kommt nicht so sehr auf Perfektion an, sondern darauf, dass ihr euch einfühlt.“

„In Verbindung mit Aktion, Spaß und Bewegung wird hier Alter sichtbar. Ein ungewohnter Anblick in der Öffentlichkeit“

Silke Z., Studioleiterin

Gesundheit und sozialer Zusammenhalt im Tanz

Tanzkunst bewegt, stärkt nicht zuletzt Gesundheit und sozialen Zusammenhalt. „Die Gruppe gibt bei Auftritten Schutz und fällt gleichzeitig auf“, erzählt Hartmut Misgeld. Der 84-Jährige hat bereits an zahlreichen Angeboten des Studios teilgenommen. „Ich möchte gesehen und gehört werden, und ich wollte auch gern neue Kontakte knüpfen“, erläutert der große Mann mit dem langen weißen Zopf. „Auf der Bühne bin ich in meinem Element.“

Mit ausdrucksstarken Gesten, Posen, konzentrierten Bewegungen zur Musik erzählt er Geschichten ohne Worte: „Es macht Spaß“, sagt der Rentner, der früher zum Ausgleich für sein stressiges Berufsleben mit gymnastischen Übungen begonnen hatte. „Das Tanzen gibt mir Orientierung und Halt, ich fühle mich angenommen“, berichtet Misgeld. „Das Altern betrifft uns alle, ein Leben lang“, unterstreicht Silke Z. Deshalb werde in jedem Ageing-Kurs auch darüber diskutiert.

Vom Wort zur Bewegung

„Wie bewegt uns das Alter? Wie bewegen wir uns, und wie wollen wir diese Phase gestalten? Welche Vorbehalte und Vorstellungen gibt es im gesellschaftlichen Spannungsfeld?“ All diese Überlegungen fließen in die Übungen und Improvisationen ein.


Hartmut Misgeld entwickelt individuelle Tanzposen – mal allein und mal zusammen mit Tanzpartnern. Fotos: © S.Ebner und © S.Henaku Grabski.

An den Kursen beteiligen sich generell mehr Frauen als Männer. „Manche haben zu Beginn Berührungsängste“, weiß Co-Studioleiterin Caroline Simon, „aber in der wertschätzenden Atmosphäre der kleinen Gruppen kann sich jeder ausprobieren.“ Einfühlsam gelenkt von den Profis. „Ich habe so gelernt, ‚Hallo, hier bin ich!‘ zu sagen“, bestätigt eine Seniorin.

„Ich möchte gesehen und gehört werden, und ich wollte auch gern neue Kontakte knüpfen“

Hartmut Misgeld, Workshopteilnehmer

Dabei helfen unterstützende Maßnahmen wie die A-bis-Z-Methode: Die Teilnehmenden überlegen sich Adjektive von A wie albern bis Z wie zart und übersetzen diese in Gesten, Posen, Aktionen – je nach ihren individuellen Möglichkeiten. Ein übertriebener Gang oder sanfte Fingerübungen in der Luft fügen sich auf der Tanzfläche zu bewegenden Szenen.

„Als ich im Schwarm die Führende war, habe ich mich intensiv gespürt – mal wie schwimmend im Wasser, mal wie ein Präriegras“, schildert eine Teilnehmerin. „Das war wunderschön!“ Insgesamt liefen bereits 16 solcher Labor-Wochen über mehrere Tage im Studio. Seit 2015 arbeiten Silke Z. und Tänzerin Caroline Simon am Standort Ehrenfeld mit Laien und Profis.

Der gemeinnützige Verein richtet sich an alle Bevölkerungsgruppen von Kindern bis hin zu Älteren und Menschen mit und ohne Behinderung. Auch aus finanziellen Gründen soll niemand ausgegrenzt werden. Neue Projekte sind geplant – da tanzt auch Hartmut Misgeld wieder gerne mit. „Die Erfahrungen geben mir Selbstvertrauen. Ich habe gelernt, mich auf der Bühne auszudrücken, es gibt auch das Wort Rampensau dafür“, sagt er lachend.

Informationen

ehrenfeldstudios
Fasia-Jansen-Str. 38 (ehem. Wissmannstr.)
Tel. 0221 / 84 63 95 80
www.ehrenfeldstudios.de
www.resistdance.de

Programm mit jährlich rund zehn Ageing-Body-Angeboten.
Kostenlose Schnupperstunden sowie Workshops und Labore für Interessierte über 55 Jahre
Happy Moves – Tanz und Parkinson
Kurs: jeden Di, 11–13 Uhr, 10 Euro pro Termin
Ageing Body Performance Labor:
Mo, 30.11. –Fr, 4.12., jeweils 10–15 Uhr,
Präsentation Fr, 4.12.
Kosten: 250–380 Euro
Ageing Body Fest
Do, 3.12.–Sa, 5.12.
Mit Laborpräsentation und (inter-nationalen) Gast-Performances
Eintritt: 10–22 Euro pro Termin
www.koelnerleben.koeln

Das könnte Sie auch interessieren:
Tanzen im Alter – glücklich im Dreivierteltakt
Wenn Seniorinnen auflegen: das DJ-Kollektiv „Forever Fresh“
Die Hochschule für Musik und Tanz in Köln – Resonanzraum für Tradition und Zukunft

Tags: Alter , Bewegung , Ehrenfeld , Kultur , Musik , Performance , Senioren , Tanz , Teilhabe

Kategorien: Kultur