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Kultur

Barrierefreie Kulturangebote in Köln für Menschen mit Behinderung

Lars Germann · 30.03.2026

Anfassen erlaubt! Foto: ©Thilo Schmülgen

Anfassen erlaubt! Foto: ©Thilo Schmülgen

Kölner Museen und Bühnen erweitern ihr Angebot für blinde und sehbehinderte Menschen auf Führungen zum Tasten und Riechen. Zudem ermöglichen technische Hilfsmittel wie Audioguides mehr kulturelle Teilhabe für hörbeeinträchtigte Menschen. Ein kurzer Überblick.

Die alte Dame möchte wissen, wie die römische Kaiserin Livia ausgesehen hat. Sie streicht der steinernen Monarchin mit Handschuhen vorsichtig über die Locken, die Wangen – und greift der fast 2.000 Jahre alten Marmorskulptur dann beherzt an die Nase. Das alles darf sie, denn in der „taktilen Führung für blinde und sehbehinderte Menschen“ im Römisch-Germanischen Museum ist Tasten und Anfassen mit Handschuhen ausdrücklich erwünscht.

Geleitet wird die Führung mit dem Titel „Tischkultur und Tafelfreuden bei den Römern“ von der Archäologin und Historikerin Dr. Daniela Rösing. Sie steuert mit den Teilnehmenden gezielt einzelne Exponate der Dauerausstellung an. Auch der Geruchssinn wird angesprochen: Eine Kräutermischung, die einer antiken Rezeptur nachempfunden ist, „riecht ein bisschen muffig“, findet die alte Dame und reicht das Gläschen rasch weiter.

Das Angebot für barrierefreien Kulturgenuss in Köln wächst stetig. „Seit April 2019 haben wir nach und nach in allen städtischen Museen inklusive Angebote entwickelt“, erklärt Dr. Marion Hesse-Zwillus, Programmleiterin „Inklusion“ beim Museumsdienst Köln. Die Herausforderung bestehe darin, Führungen so zu gestalten, dass Menschen mit teils sehr unterschiedlichen Voraussetzungen gleichermaßen davon profitieren.

Bühnenproduktionen mit Gebärdensprache

Bei den Bühnen der Stadt Köln engagiert sich Isabelle Pyka dafür, Opern- und Schauspielstücke für Menschen mit Handicap zu konzipieren: „Wir prüfen laufend, welche unserer Produktionen sich für eine barrierefreie Umsetzung eignen“, sagt die Diversity Managerin. Auch die freie Theaterszene engagiert sich in diesem Thema. So entsteht in Koproduktion zwischen Oper und dem Comedia Theater die Kinderoper „Freikugeln“. Sie hat im April 2026 Premiere und wird für und mit tauben Menschen quasi zweisprachig konzipiert, also inklusive Gebärdensprache. Premiere hatte schon „Hänsel und Gretel“, hier wurde blinden und sehbehinderten Besuchern im Vorfeld eine „Tastführung“ angeboten: Sie konnten auf der Bühne Kostümteile und Requisiten befühlen. Und während der Aufführung erhielten die Besucher auf Wunsch einen „Knopf im Ohr“ mit Live-Erläuterungen zum Geschehen auf der Bühne.

Auch in den Depots des Schauspiels gibt es Höranlagen, über die der Bühnenton direkt auf Kopfhörer übertragen wird. Dass Stücke von Gebärdensprachlern begleitet würden, sei leider noch eine Ausnahme, erklärt Pyka, „aber wir versuchen, das auszubauen.“ Es gebe zwar eine „Taskforce für Barrierefreiheit“, aber die personellen und finanziellen Mittel seien begrenzt – und bei sehr anspruchsvollen Stücken sei die barrierefreie Umsetzung mitunter schwierig.

Barrierefreie Angebote in Köln

Einer, der regelmäßig barrierefreie Kulturangebote nutzt, ist Paul Intveen. Der 60-jährige Nippeser ist erblindet und nimmt an den speziellen Museumsführungen oft und gerne teil. Um sie zu finden, nutzt er die Newsletter der Stadt Köln und des Blinden- und Sehbehindertenvereins. Ansonsten recherchiert er im Internet nach interessanten Terminen. Wenn Intveen mal nicht weiterkommt, greift er zum Telefon und fragt sich durch. Das ist auch seine Empfehlung: „Der beste Weg ist der menschliche Kontakt!“

Unterschiedliche Erfahrungen gemacht hat er mit den „Audioguides“, also verschiedensten Geräten, die eine selbstständige Führung durch eine Ausstellung ermöglichen: Manche seien für Blinde nicht bedienbar – und überhaupt wünsche er sich ein „einheitliches Gerät“ in allen Häusern. Auch bei den Blindenleitsystemen könne noch vieles verbessert werden, insbesondere was den Weg zu Eingangstüren betrifft.

Im Großen und Ganzen ist Intveen aber sehr dankbar für das, was ihm in Köln geboten wird: „Da sind Leute, die sich echt reinhängen“, findet er. Wer etwas Mut mitbringe, sich aktiv informiere und Menschen anspreche, könne in Köln vieles erleben, ist er überzeugt. Sein Tipp: „Geh hin! Du erfährst auf jeden Fall mehr, als wenn du zuhause bleibst.“

In Köln gab es 2023 insgesamt 1.883 blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen. Das Kölner Netzwerk der Schwerhörigen- und Ertaubtenarbeit geht von 100.000 hörbeeinträchtigten Menschen in Köln aus.

Oper „Freikugeln – Der Freischütz in fünf Dimensionen“
Premiere (ausverkauft)
Samstag, 11. April, viele weitere Termine bis 28. Juni.
Comedia Theater,
Vondelstr. 4–8.
Eintritt: 17 Euro (ermäßigt: 11,50 Euro),
Karten: Tel. 0221 / 888 77 222.
www.comedia-koeln.de/buehne/theater-fuer-junges-publikum

Museumsdienst der Stadt Köln
Leonhard-Tietz-Str. 10
Tel. 0221 / 221-2 73 80 (Buchungsservice)
https://museumsdienst.koeln/

Oper Köln
StaatenHaus,
Rheinparkweg 1
Ticket-Hotline: 0221 / 221-2 84 00
www.oper.koeln

Schauspiel Köln im Depot
Mit Audiodeskription und Tastführung: „V13 – Die Terroranschläge von Paris“ (19. März).
Schanzenstr. 6–20
Ticket-Hotline: 0221 / 221-2 84 00
www.schauspiel.koeln

„Bei Anruf Kultur“
Es können telefonische Kulturführungen durch bundesweit über 100 Museen, Gedenkstätten, Galerien und weitere Kulturorte gebucht werden.
www.beianrufkultur.de

Zentrum für selbstbestimmtes Leben
Köln (Beratungsstelle)
Xantener Str. 46
Tel. 0221 / 29 29 36-0
www.zsl-koeln.de

Beratungstelefon für Senior*innen
und Menschen mit Behinderung der Stadt Köln: 0221 / 221-2 74 00

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Tags: Barrierefreiheit , Behinderung , blind , Museumsangebote , Museumsführung , sehbehindert , taub