Leben in Köln

Karnevalsspaß dank Körpereinsatz

Jürgen Schön · 11.11.2020

Gebärdendolmetscherin Aline Ackers „singt“ mit den Bläck Fööss. Foto: Bettina Bormann.

Gebärdendolmetscherin Aline Ackers „singt“ mit den Bläck Fööss. Foto: Bettina Bormann.

Wie können gehörlose Menschen auf großen Veranstaltungen Witze und Liedtexte verstehen?

11. November 2019 auf dem Heumarkt: Köln feiert den Start in die Karnevalssession – noch ohne Corona. Mit viel Musik, Gesang, Alaaf und Reden. Eine fröhliche Angelegenheit. Und eine verdammt laute. Unter den Tausenden feierfreudigen Jecken sind auch einige, die gehörlos sind – und Spaß haben. Für sie sind neben den Karnevalisten auf der Bühne eine Frau und ein Mann die Hauptpersonen. Ganz links stehen sie dort, abwechselnd übersetzen sie alles Gesprochene und Gesungene in Gebärdensprache.

Seit 2013 bietet der Landschaftsverband Rheinland (LVR) diesen inklusiven Service unter dem Motto „Karneval für alle“ an. Er macht es möglich, dass Menschen, die taub sind oder wenig hören, auch die Wortbeiträge und Texte auf der Bühne verstehen. Zur Sessionseröffnung hat die Willi-Ostermann-Gesellschaft besonders höreingeschränkte Menschen eingeladen.

Der Verein der Altstädter lädt zu seiner Miljö-Sitzung in den Kristallsaal der Messe. Hier feiert Ruth Weinand. Die 70-Jährige hat sich als Piratin verkleidet, ist mit ihren ebenfalls kostümierten Freundinnen da. Karnevalsjeck ist die Mutter von zwei Kindern und pensionierte Zahnarzthelferin schon seit ihrer Kindheit. Seitdem ist sie auch auf Gebärdensprache angewiesen. Die habe sie gelernt, obwohl diese 1955 im Unterricht noch verboten war, erinnert sie sich.


Karnevalsfans durch und durch: Ruth Weinand (rechts) mit ihren Freundinnen. Foto: Bettina Bormann.

Gebärden mit Dialekt

Dass es im Karneval Gebärdendolmetscher gibt, findet Weinand ganz toll: „Endlich haben wir die Möglichkeit, auch auf einer Sitzung Spaß zu haben.“ Ganz großes Lob hat sie für die Übersetzer der Büttenreden. „Die sind mit ganzem Körpereinsatz bei der Sache, mit Mimik, Gestik und bestimmten Handzeichen übertragen sie jeden Witz.“ Auch die derben, ergänzt sie.

Eine, die mit Leidenschaft und vollem Körpereinsatz gerne auch im Karneval simultan in die Gebärdensprache dolmetscht, ist Aline Ackers. Dabei fasziniert sie die Mischung aus feststehenden Handzeichen, Gesten, Mimik und Mundbewegungen. Die 34-Jährige liebt Sprachen, spricht auch Englisch und Spanisch. Entgegen dem verbreiteten Glauben ist auch die Gebärdensprache nicht international. Es gibt sogar regionale Dialekte.

Hits zum Karneval

Zur Gebärdensprache sei sie eher durch Zufall gekommen, durch eine Anzeige des Landesinstituts für Gebärdensprache NRW. Und klar, auch ihre beiden Kinder – zwei und vier Jahre alt – können schon ein paar Alltagsgebärden wie Essen, Trinken, Keks und einige Tiergebärden.

Aline Ackers begleitet auch bei Geschäftskonferenzen und Arztbesuchen. Nur nicht mehr vor Gericht, „da habe ich mich nicht wohl gefühlt“, sagt sie. Umso mehr genießt sie den Karneval. Sie bereitet sich jedes Jahr mit den Texten der neuesten Hits der Session vor. Ihr Lieblingslied der letzten Session: „Die nächste Rund“ von den Bläck Fööss.


Sehen Sie hier ein Musikvideo: Die nächste Rund von den Bläck Fööss auf YouTube. Mehr Videos finden Sie auf dem YouTube-Kanal der Kölner Band.

Kölsche Grundbegriffe

Und was sind so die wichtigsten Karnevalsworte, besser -gebärden? „Alaaf!“ – die Geste sollte eigentlich jeder Jeck kennen: mit der rechten Handfläche, Handrücken nach vorn, über das linke Auge und dann den Arm vom Kopf nach rechts weg-bewegen.

Und Köln – oder „Kölle“? Beide Hände formen vor der Brust je einen Halbkreis, während sie parallel nach oben gezogen werden, schließt sich jede. Richtig: Das sind doch die beiden Domspitzen, das ist die Gebärde für Köln! Zumindest Karneval können also auch Gehörlose mitfeiern.

Im Fernsehen gibt es zunehmend Untertitel, viele öffentliche Sender haben auch spezielle Angebote mit eingeklinkter Gebärdensprache. „Bei Ärzten, im Krankenhaus oder bei Behörden ist es für uns aber oft sehr schlecht“, sind die Erfahrungen von Ruth Weinand. Ihr großer Wunsch: Alle Ärzte und Beamte sollten die Zeichensprache lernen.

Deutschlandweit gibt es rund 83.000 Gehörlose, hinzukommen nach Schätzungen des Deutschen Schwerhörigenbundes 16 Millionen Schwerhörige. Die „Zentrale für Gehörlose  Köln e. V.“ vermittelt Gebärdendolmetscher etwa für Arztbesuche oder Behördengänge.

Mehr Informationen zum Thema Inkulsion beim Karneval erhalten Sie auf der Webseite des Landschaftsverbands Rheinland (LVR): www.karneval-fuer-alle.lvr.de.

Veranstaltungen für Menschen mit Behinderung - Das könnte Sie auch interessieren:

Führung für blinde und sehbehinderte Menschen im Museum Ludwig: In die Gedanken gemalt
Wo Demenzerkrankte dazwischenrufen und mittendrin aufstehen dürfen: Aufstand in der Oper.
Altersbarrieren in Köln - Wie komme ich da rein?

Karneval in Köln - Das könnte Sie auch interessieren:

Interview mit Ursula Brauckmann - Im Gespräch mit der Karnevalspräsidentin von "Colombina Colonia".
Man kennt sie als die Frau mit dem Akkordeon, besonders aus dem Kölner Karneval: Kölner Köpfe – Jutta Gersten.
Nachruf auf eine Karnevalslegende: Zum Tod von Marie Luise Nikuta.
Erfahren Sie mehr über die legendäre Kölner Mitsingkultur. Gemeinsam klingt es immer gut.
Lesen Sie über Karnevalsvereine im Veedel: Denn he hält m’r zosamme ...

Tags: Kölner Karneval , Menschen mit Behinderung

Kategorien: Leben in Köln