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Interview mit EM Botschafter Toni Schumacher

Tim Farin · 14.03.2024

Toni Schumacher zu Gast in der Redaktion KölnerLeben. Fotos: Thomas Banneyer

Toni Schumacher zu Gast in der Redaktion KölnerLeben. Fotos: Thomas Banneyer

Der EM Botschafter Harald „Toni“ Schumacher, legendärer Torhüter des 1. FC Köln und der deutschen Nationalmannschaft, wurde im März siebzig Jahre alt – KölnerLeben hat ihn interviewt.

Herr Schumacher, die Fußball-Europameisterschaft 2024 kommt nach Köln. Sind Sie schon aufgeregt?

Aufgeregt nicht, aber voll im Thema. Ich bin Botschafter der Fußball-Europameisterschaft (EM) für Köln und weiß um ihre Wichtigkeit. Als Spieler hatte ich nie das Glück, in meinem eigenen Land so ein großes Turnier zu spielen. Da fiebere ich schon mit unserer Nationalmannschaft mit, aber sportlich wird das eine schwierige Aufgabe. Die EM insgesamt, da bin ich sicher, wird ein großer Erfolg, auch abseits des Platzes. Dafür werden gerade wir Kölner sorgen. Wir sind, solange ich mich erinnern kann, immer großartige Gastgeber gewesen. Diese Stadt ist es gewohnt, dass hier eine Vielfalt von Menschen aus aller Welt zusammenkommt, die wir mit offenen Herzen und Armen willkommen heißen.

Was ist denn Ihre Aufgabe als EM-Botschafter?

Das ist ein Ehrenamt, bei dem ich als Prominenter aus dem Sport helfe, die Öffentlichkeit auf das Thema EM einzustimmen. Es gibt viele Anfragen von Medien, Vereinen, Organisationen – und wenn ich verfügbar bin, sage ich keinen Termin ab. Mir geht es um die Vorfreude in der Stadt, aber auch um die Bereitschaft der Menschen, mitzumachen. Für mich ist das auch eine sportliche Aufgabe, ich will dazu beitragen, dass die Kölnerinnen und Kölner die EM als Wettbewerb sehen. Ich finde, Köln sollte die beste unter den Gastgeberstädten sein.

Haben Sie schon ein Bild im Kopf, wie sich die EM in Köln mit dem ersten Spiel anfühlen wird?

Das geht schon vor dem ersten Spiel los. Es wird in der ganzen Stadt Partys geben. Für alle Gastfans und alle Kölnerinnen und Kölner, ganz bunt und international. Wir werden Fanzonen am Alter Markt und am Tanzbrunnen mit riesigen Leinwänden haben, wir werden ein großes Rahmenprogramm sehen und viel gute Laune in Köln versprühen. Schon an den Tagen davor werden wir dieses Flair fühlen. Auch wenn man keine Eintrittskarten für die fünf Spiele in Müngersdorf bekommen hat, es lohnt sich, für das Feeling nach Köln zu kommen.

Die gesellschaftliche Lage in Deutschland ist eher bedrückend, Inflation, eine schwächelnde Wirtschaft, außenpolitische Unsicherheiten betrüben die Menschen. Kann die EM vielleicht ein neues Sommermärchen wie 2006 bringen und uns neuen Schwung geben?

2006 kam einiges zusammen, was man nicht in der Hand hatte – vor allem das phänomenale Wetter. Das lässt sich nicht planen. Aber ich bin fest überzeugt, dass ein Turnier wie die EM 2024 gute Stimmung und auch langfristig Mut machen kann. Der Sport hat diese Kraft. Eine Gastgeberstadt kann das spüren. Wie mächtig Fußball sein kann, wissen wir doch aus der Geschichte. Wer hätte denn 1954 noch auf uns gezählt? Keiner. Und dann sind die Jungs hingegangen und Weltmeister geworden. Mit dem Wunder von Bern haben sie Deutschland neue, echte Anerkennung gesichert. Wenn die Leute ins Stadion gehen, wollen sie Spektakel sehen, Positives erleben, Teamgeist spüren. Einer für alle, alle für einen. Im besten Fall nehmen sie das auch wieder mit nachhause.

Eine ähnliche Rolle haben Sie ja auch als Botschafter des Frauen-Pokalfinals in Köln inne. Was sind Ihre Erfahrungen?

Da bekomme ich Gänsehaut. Köln hat das Finale vor 14 Jahren bekommen, weil es dem Frauenfußball einfach nicht gerecht wurde, die Frauen im Vorprogramm der Männer in Berlin spielen zu lassen. Und dann hat Köln ein Riesenfest daraus gemacht, ganze Familien kamen und natürlich die Fans der teilnehmenden Teams. Das Stadion war zuletzt ausverkauft! Köln hat dem Frauenfußball eine Heimat gegeben. Den Frauenfußball unterstütze ich von Herzen, seit ich vor Jahrzehnten die Frauen aus Bergisch Gladbach gesehen habe, die Weltmeisterinnen wurden, als es noch gar keine deutsche Nationalmannschaft gab. Das ist echte Begeisterung.

Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat Sie dieses Jahr auch zum Ehrenamtspaten ernannt. Was bedeutet Ihnen das?

Erstmal ist es eine Riesenauszeichnung, zusammen mit Tugba Tekkal in diesem Amt zu sein. Wir setzen uns für die gesellschaftliche Anerkennung des Ehrenamts ein. Für mich persönlich bringt dieser Job etwas richtig Schönes, nämlich ein gutes Gefühl. Es fühlt sich einfach gut an, anderen Menschen helfen zu können. Das macht das Ehrenamt aus. Und es hat große Wirkung. Das geht schon los, wenn man für die alte Nachbarin die Einkäufe erledigt und in die Wohnung trägt.

Haben Sie selbst auch vom Ehrenamt profitiert?

Na klar! Ich habe in einem kleinen Verein angefangen, genau wie all die Profis, die heute Nationalspieler sind. Am Anfang all dieser Laufbahnen standen Menschen, die uns ehrenamtlich betreut haben. Das ist von unschätzbarem Wert. Es bringt auch Generationen zusammen. In meinem Fall war es, damals in Düren, Hermann Leister. Der war über sechzig, hatte im Krieg ein Bein verloren. Er war immer für uns da, er war jemand, zu dem wir aufschauten. Er hat uns beigebracht, was wichtig ist. Ich finde, so etwas geht leider verloren in der heutigen Zeit. Im Ehrenamt können wir dafür sorgen, dass es diesen Austausch wieder gibt.

Wie wollen Sie Menschen vom Ehrenamt überzeugen?

Ich sage: Versuchen Sie es mal! Sie bekommen kein Geld, nichts Materielles. Aber es gibt sofort Anerkennung. Wenn Sie sehen, wie Menschen sich über Ihre Hilfe freuen, ist das unbezahlbar schön. Ich empfehle jedem, das zu versuchen. Wenn man einrostet, wird man nur alt und schneller krank.

Sie wurden am 6. März siebzig. Aber bestehen bleibt Ihr Bild des Top-Torhüters aus den 70ern und 80ern. Wie kommen Sie mit dem Altern zurecht?

Siebzig ist nur eine Zahl. Man kann mit siebzig Jahren alt sein oder nicht. Ich halte mich aber schon relativ gut in Form, habe noch volles Haar – da sehe ich doch noch aus wie 69 (lacht herzlich). Ich möchte also fit bleiben, da spielt das Alter gar nicht so eine Rolle. Und zwar auch im Kopf. Ich packe viele neue Dinge an, stehe auch jeden Morgen um 5 Uhr auf. Was die Leute nicht sehen, sind meine kaputten Knie. Die spüre ich jeden Tag. Aber ich fühle noch viel mehr den Stolz, das Glück vom Double, das wir 1978 mit dem FC gewonnen haben.

Wie sehr denken Sie heute noch an die Höhepunkte Ihrer Karriere?

Jeden Tag. An das Double 1978, an den Pokalsieg gegen Fortuna Köln, die beiden Vize-Weltmeisterschaften – natürlich besonders auch an den Europameistertitel 1980. Da hatte ich ja vorher nur drei, vier Halbzeiten fürs Nationalteam gespielt – und dann dieser Triumph. Jeder, der Sport schaut, sehnt sich nach solchen Momenten. Wenn man selbst da war, hat man so starke Erlebnisse, so viele Glückshormone im Körper gehabt, das ruft man immer wieder ab.

Sie galten auch als besessener Sportler. Gab es einen Punkt in Ihrem Leben, an dem Sie davon abgekommen sind? Oder geht das immer noch so?

Ich weiß, dass es immer noch so ist. Nennen wir es doch nicht Besessenheit, sondern Leidenschaft, dann passt es. Ich mache Dinge weiterhin leidenschaftlich, wenn ich sie anpacke – etwa das Rasenmähen. Der Rasen muss aussehen wie ein Fußballplatz mit Schachbrettmuster. Das macht mir Freude.

Eine Ihrer Leidenschaften ist der FC. Allerdings haben Sie zwei Brüche erlebt: Ihre Spielerkarriere endete schlagartig, Ihre Vorstandsarbeit endete in einer Krise. Hat das die Leidenschaft beeinträchtigt?

Nein, meine Vorstandsarbeit habe ich nach dem Wiederaufstieg beendet. Wenn, dann waren es Menschen, mit denen es im einzelnen Fall Probleme gab. Der FC war für mich als Jugendlicher das große Ziel und ist bis heute Teil meines Lebens. Ich gehe natürlich noch ins Stadion, auch wenn es diese Saison oft an den Nerven zehrt. Ich genieße es jetzt einfach, Fan zu sein. Zum Glück dreht sich jetzt keiner mehr zu mir um, wenn wir Tore reinkriegen – das war anders, als ich im Vorstand war. Da fühlte es sich manchmal an, als hätte ich den Ball persönlich ins Netz bekommen.

Viele Kinder wollen Berufsfußballerinnen, Profifußballer werden. Was würden Sie etwa Ihrem Enkelkind raten?

Da brauche ich gar nicht bis zu meiner Enkelin zu denken. Meine Tochter wollte von klein auf Fußball spielen. Ich war leider dagegen. Ich dachte, es tut ihr nicht gut, mit meinem Nachnamen auf dem Feld zu stehen, vielleicht sogar im Tor. Heute würde ich es anders sehen. Sie spielt inzwischen auch in der Uni-Fußballmannschaft, aber ich habe es ihr schwer gemacht. Heute würde ich sagen: Mach das, finde raus, ob es für dich passt oder nicht. Aber konzentriere dich nicht nur auf den Fußball, denn die Chance, damit Geld zu verdienen, ist minimal. Das hatte mir auch schon meine Mutter geraten. Nach der Schule musste ich deshalb vor meiner Profikarriere eine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Kupferschmied machen. Und als Fußballer habe ich immer berücksichtigt, wie sie mich erzogen hat: Sei ehrlich und fleißig.

Zum Abschluss nochmal zur EM: Werden Sie ganz besonders kritisch auf die Torhüter beim Turnier schauen?

Nein, nicht explizit. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Torhüter heute gar nicht mehr fangen wollen. Vielleicht trainieren sie das nicht mehr so. Ich schaue lieber auf etwas anderes. Für mich zählt, was ich von den Teams sehe, vor allem dann von unserer Nationalmannschaft. Da geht es um Charakter, Leidenschaft und Herzblut. So gewinnt man auch Spiele, auf jeden Fall aber das Publikum.

Herr Schumacher, wir danken für das Gespräch.

Das Gespräch führten Tim Farin und Wolfgang Guth.

   

   

Fotos: Thomas Banneyer

Tags: EM 2024 , Fußball , Interview , Toni Schumacher

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