Leben in Köln

Stationäre Pflege: Wir brauchen mehr Heimplätze

Philipp Haaser · 03.08.2020

Grundsteinlegung bei den Sozial-Betrieben-Köln in Riehl für ein neues Haus, das Ende 2021 bezugsfertig sein soll: rechts Geschäftsführerin Gabriele Patzke, links die Leiterin des Seniorenzentrums Riehl, Susanne Bokelmann. Foto: Ben Horn

Grundsteinlegung bei den Sozial-Betrieben-Köln in Riehl für ein neues Haus, das Ende 2021 bezugsfertig sein soll: rechts Geschäftsführerin Gabriele Patzke, links die Leiterin des Seniorenzentrums Riehl, Susanne Bokelmann. Foto: Ben Horn

Der Anteil der hochaltrigen Menschen in Köln wächst – und damit der Bedarf an Heimpflegeplätzen. KölnerLeben beleuchtet die aktuelle Situation und die Pläne der Stadt.

Die Plätze in der stationären Pflege in Köln sind knapp. Die Situation hat sich so zugespitzt, dass die Pflegebedürftigkeit für manche einen Wegzug aus der Heimat bedeutet. „Der Umzug in die Eifel oder in Städte so entfernt wie Wuppertal ist inzwischen keine Ausnahme mehr“, sagt Martin Theisohn, Sprecher der Kölner Seniorenvertretung. Was das bedeutet, formuliert er in drastischen Worten.

„Für viele ist das der soziale Tod. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Angehörigen dann noch regelmäßig sehen, ist gering“, sagt Theisohn.

Für ihn liegt der Schluss auf der Hand: Mehr Plätze müssen her.

Auch Caritas und Diakonie, die beiden großen kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen und Betreiberzahl reicher Senioreneinrichtungen, bezeichnen die Pflegesituation in Köln als „dramatisch“. Alle stationären Einrichtungen seien ausgelastet. Es gebe so gut wie keine freien Plätze. Und die ambulante Pflege in der eigenen Wohnung werde immer schwieriger, weil das Personal fehle. Auch deshalb müssten noch mehr Menschen in stationäre Einrichtungen ziehen.

Dringender Handlungsbedarf

Wie dringend der Handlungsbedarf ist, bestätigen die Zahlen. Zwei Faktoren tragen maßgeblich zu dieser angespannten Situation bei. Zum einen der „demografische Wandel“: immer mehr Menschen werden immer älter. Zwar leben viele lange in den eigenen vier Wänden, was die Stadt Köln seit Jahren durch ihr Konzept „ambulant vor stationär“ unterstützt.

Aber mit dem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit, doch auf stationäre Pflege angewiesen zu sein. Lebten in Köln im Jahr 2010 noch 45.236 hochaltrige Menschen über achtzig Jahre, waren es 2019 nach Angaben des städtischen Statistikamtes schon 59.354.


Foto: Ben Horn

Pflegequalität

Der andere Faktor ist die gesunkene Platzzahl durch eine gesetzlich vorgeschriebene Umstellung von Zweibett- auf Einbettzimmer. Was gut und wichtig ist, um die Qualität der Unterbringung zu verbessern, führte zu einer Reduzierung der Plätze, die nicht ausgeglichen werden konnte. So sank die Zahl der Dauerpflegeplätze von 7.995 im Jahr 2010 auf 7.809 im Jahr 2018.

Die Stadt Köln hat die Problematik erkannt und will gegensteuern. Im Juli 2019 hat der Rat beschlossen, die stationäre und ambulante Pflege auszubauen. Auch im Jahresprogramm von Oberbürgermeisterin Henriette Reker, parteilos, ist dies als eines ihrer Ziele für 2020 aufgeführt. Caritas und Diakonie fordern, die Entwicklung noch besser zu steuern. Seniorenvertreter Theisohn sagt, man habe das Problem lange nicht ausreichend im Blick gehabt. Doch das scheint sich zu ändern.

Pflegeangebot und Nachfrage

Der jüngste Bericht der Kommune zur Pflegesituation stammt aus dem Jahr 2018 und basiert auf Zahlen von 2015. Steht darin noch die offene Frage nach „möglichen Versorgungsengpässen“, bewertet der verantwortliche Sozialdezernent Dr. Harald Rau die Situation inzwischen eindeutig. „Das Pflegeangebot wird die Nachfrage nicht mehr gut treffen“, sagt er.

In der aktuellen Bevölkerungsprognose sieht er einen weiteren „dramatischen“ Anstieg des Anteils der Über-80-Jährigen. Viele von ihnen werden auf Pflege angewiesen sein.

Der Pflegebericht der Stadt Köln

Noch gebe es zwar keinen „flächendeckenden Notstand“. Doch die Zeit drängt. Ein Scheitern könne sich Köln nicht leisten, sagt Rau. Das wird auch der nächste Bericht zeigen, der derzeit in Arbeit ist. Er basiert auf Daten von 2017 und soll im August vorliegen. Die Stadtverwaltung beziffert darin den zusätzlichen Bedarf auf 1.096 Plätze bereits bis 2025.

Neue Wohnheime sind zwar bereits in Planung, ebenso die Erweiterung bestehender Einrichtungen. Jeweils knapp 100 Plätze sollen in zwei Jahren in Wahn und in Zündorf fertig sein. In Riehl beginnen die stadteigenen Sozial-Betriebe-Köln (SBK) auf ihrem Gelände mit dem Bau eines Gebäudes mit 80 Plätzen, doch 48 ersetzen wegfallende in Mülheim, nur 32 sind neue. So werden rechnerisch immer noch 871 Plätze oder bis zu elf neue Einrichtungen fehlen.


Grafik: Anzahl der Kölnerinnen und Kölner über 80 Jahre. Quelle Stadt Köln, Amt für Soziales, Arbeit und Senioren, Stand 17.03.20

Fehlender Baugrund, hohe Baukosten

Die Mitarbeiter im Sozialdezernat entwickeln seit einiger Zeit Ideen, wie das zu schaffen ist. Dabei stehen sie vor einem Problem, das viele Fragen der Kommunalpolitik dominiert: knappe und teure Baugrundstücke. Wenn freie Träger oder private Betreiber neue Seniorenwohnheime bauen wollen, konkurrieren sie mit Immobilieninvestoren. Die Kommune kann da nur begrenzt helfen.

Die Liste der eigenen drängenden Bedarfe ist lang: bezahlbare Wohnungen, Schulen, Ausbau der Kindergärten und anständige Unterkünfte für Geflüchtete.

Marktwert und Gemeinnutz

Detlef Silvers ist bei der Caritas Köln für das Geschäftsfeld Alter und Pflege zuständig. Er kritisiert, dass Kommune und Kirchen – Bistum und Gemeinden verfügten über nennenswerte Flächen – nach wie vor Erlöse mit den eigenen Grundstücken erzielen wollten, statt sie unter Marktwert zur Verfügungzu stellen. Dazu komme, dass die Baukosten seit Jahren weder für private noch für freigemeinnützigeTräger zu refinanzieren seien.

Die maximale Miete, die sie von den späteren Bewohnern verlangen könnten, sei faktisch beschränkt, erläutert Silvers.

Rund 40 Prozent der stationären Pflegebedürftigen sind auf die Hilfe der Sozialämter angewiesen. Und die zahlen höchstens einen Betrag, der sich aus den gesetzlichen Vorgaben für die Baukosten ergibt. Die tatsächlichen Baukosten lägen aber seit Jahren deutlich höher.

Die Lücke lasse sich gerade so durch die Pflegesätze decken, die die Betreiber für die Pflege der Bewohner erhalten. Damit sich ein Neubau lohne, müsste die Miete aber kostendeckend sein, sagt er. Eine Förderung aus Steuergeldern, die es in anderen Bundesländern noch gibt, wurde in NRW in den 90er Jahren abgeschafft.

 

Kostenbeispiele für einen Heimplatz

Wie viel ein Platz im Pflegeheim kostet, variiert. Die Pflegekassen übernehmen die Kosten für die Pflege je nach Pflegegrad. Aber für den übrigen Teil ist der Bewohner zuständig: für die Kosten der Unterkunft, die Verpflegung, die Investitionskosten und die Ausbildungspauschale. Die im Folgenden aufgeführten Rechnungen sind Beispiele für Einzelzimmer ohne hinzubuchbare Zusatzleistungen.

Beispielrechnung für einen stationären Heimplatzfür Pflegegrade II–V (in Euro)

 

 Einrichtung Senioren-
residenz Curanum
Köln
am Rhein*
AWO Marie
Jucharcz
Zentrum
Caritas
Alten
zentrum St. Heribert
Albert
Schweitzer-Haus
Städt.
Senioren-zentrum
Köln-Riehl
 Träger

Korian
Deutschland
AG

AWO Bezirks
verband Mittelrhein
e. V.

Caritas
verband
für die
Stadt Köln
e. V.

Diakonie
Michaels
hoven e. V.

SBK Sozial
Betriebe-Köln
gGmbH

 Einrichtungs-
 einheitlicher
 Eigenanteil
 für
 Pflege und
 Betreuung
 (EEE)

300,85 956,03 1.158,63 1.114,48 1.217,–
 Unterkunft

542,3 627,56 631,52 636,08 678,36
 Verpflegung

417,67 483,37 486,11 489,76 522,32
 Ausbildungs-
 umlage

160,62 33,77 161,53 153,32 157,87
 Investitionsauf-
 wendungen

855,41 417,97 549,08 714,26 734,95
 EZ-Zuschlag

121,68 34,07
 Monatlich
 selbst zu  zahlen

2.276,94 2.763,28 2.986,87 3.142,01 3.310,50

 

 

> Einrichtungseinheitlicher Eigenanteil für Pflege und Betreuung (EEE):
Unabhängig von den tatsächlich erhaltenen Pflegeleistungen und dem Zuschuss der Pflegekasse je nach Pflegegrad wird dem Bewohner ein fester Eigenanteil zur Pflege berechnet.
> Ausbildungsumlage:
Den Bewohnern wird ein Beitrag zur Vergütung der Auszubildenden in Rechnung gestellt.
> Investitionskosten:
Das sind Aufwendungen der Einrichtung für Umbau oder Ausbau, Modernisierung, Instandhaltung oder Brandschutz.
* Haus für Selbstzahler, Sozialhilfe und Pflegewohngeld können nicht beantragt werden
Stand: 01.01.2020

 

Lesen Sie über die Pflege in der Zukunft auf Seite 2

Tags: Pflege in Köln , Wohnen im Alter

Kategorien: Leben in Köln