Leben in Köln

Wolfgang Stöcker, der Staubsammler von Köln

Jürgen Schön · 14.07.2021

Wolfgang Stöcker prüft die Güte des Staubs im Kölnischen Stadtmuseum anlässlich seiner Ausstellung „Unter Kölner Dächern“ 2016. Foto: Raimond Spekking / Wikimedia Lizenz CCBY-SA 4.0

Wolfgang Stöcker prüft die Güte des Staubs im Kölnischen Stadtmuseum anlässlich seiner Ausstellung „Unter Kölner Dächern“ 2016. Foto: Raimond Spekking / Wikimedia Lizenz CCBY-SA 4.0

Es gibt vieles, was die Menschen fasziniert. Vieles, was sie sammeln. Aber Staub? Von einem, der loszog und es immer noch tut.

Wolfgang Stöcker sammelt Staub. Nicht nur, weil er Ordnung und Sauberkeit liebt. Sondern weil Staub für ihn ein Symbol der Vergänglichkeit ist. Und ein Symbol dafür, wie wir Vergangenheit schätzen. Als Künstler gibt er ihm Gestalt, als Stadtführer erzählt er dazu spannende Geschichten.

Bestandteile von Staub

Doch was ist eigentlich Staub? Ein ganz schön vielfältiger Stoff. Da bilden sich die klassischen „Wollmäuse“, dieses leicht klebrige Gemisch aus Haaren, Hautpartikeln, Fasern, Materialresten und eben Staub. Sie tauchen immer wieder an derselben Stelle in der Wohnung auf, verärgern regelmäßig Hausfrau und Hausmann und lassen sie zum Handfeger greifen.

Da ist andererseits der feine mineralische Staub, der jüngst als Saharastaub den Himmel verdüsterte. Oder der Feinstaub, der Abrieb von Autoreifen, der die Stadtluft verunreinigt. Dazwischen einfach pflanzliche Partikel, die sich drinnen und draußen als „Dreck“ in Ritzen sammeln oder auf Flächen festsetzen. Aber auch Kaugummis, die Touristen im Berliner Dom unter einem Sarkophag „entsorgt“ haben.


Unübersehbar: Staub aus St. Kunibert. Foto: Raimond Spekking / Wikimedia Lizenz CCBY-SA 4.0

Aus Staub ist der Mensch gemacht

Das alles zieht Stöcker, gelernter Vermessungstechniker und Lehrer für Geschichte und Kunst, magisch an. Seine Doktorarbeit schrieb er über die Friedhofskultur im Rheinland der letzten zwei Jahrhunderte. Katholisch erzogen, weiß er auch um die religiöse Bedeutung des Staubs, wie sie in der biblischen Schöpfungsgeschichte festgehalten ist: Aus Staub ist der Mensch gemacht, zum Staub muss er zurück. Woran das Aschekreuz am Aschermittwoch erinnert.

Gut 600 Staubmuster hütet der leidenschaftliche Sammler mittlerweile in seiner Wohnung. Seine Frau finde das inzwischen „völlig normal“, versichert er. Die meisten hat er selber gesammelt, vor allem in Europa. In Köln war er etwa im Speicher über der Goldenen Kammer von St. Ursula, im Turm des Stadtmuseums, über dem Hansasaal im Historischen Rathaus, in St. Gereon und im Hansa-Hochhaus. Der ehemalige Oberbürgermeister Jürgen Roters schickte ihm persönlich eine Probe aus seinen Amtsräumen.

Freunde bringen ihm Staub aus der Ferne mit, aus Japan oder von den Malediven. Spannend findet er es, wie Behörden reagieren, wenn er sie brieflich um eine „Amtsprobe“ bittet. 2004 gründete Wolfgang Stöcker sein „Deutsches Staubarchiv“, mittlerweile zum „Internationalen Staubarchiv“ befördert. Regelmäßig stellt er seine Sammlung aus. Vor allem die Funde aus Kirchen gießt er in kleine „Reliquienhäuschen“ aus Wachs ein. Andere präsentiert er in kleinen Gläsern. Oder in kleinen Tütchen. Zusammengestellt in Bilderrahmen erinnert dies an barocke „Wunderkammern“, jene Sammlungen also, die manche Landesfürsten für kuriose und exotische Gegenstände aus der ganzen Welt einrichteten.


Aus Wachs und Staub wachsen Staubschreine und Staubtürme. Foto: Museum Burg Posterstein / Wikipedia

Sein Traum: der Staub des Louvre

Während er in Kellern, auf Speichern und zwischen Heizungsanlagen auf der Suche nach altem Staub herumklettert, macht er Fotos. Die erlauben einen Blick auf Orte, die dem normalen Besucher eines Hauses verborgen sind. Sein Traum: einmal im Louvre das zu sammeln und mit der Kamera festzuhalten, was sich rings um die „Mona Lisa“ befindet.

Im Museum Ludwig darf er seit drei Jahren ganz offiziell Staub sammeln. Seine durchaus wissenschaftliche Erkenntnis: Im Winter findet man mehr Abrieb von Wollkleidung, im Sommer mehr Spuren von Moosen oder toten Fliegen. Bonbonpapiere gibt’s dagegen in jeder Jahreszeit. So setzt Stöcker mit Fotos und Staubexponaten dem öffentlichen „Makrokosmos“ die Geheimnisse des „Mikrokosmos“ entgegen, der bekannten Geschichte eines Ortes die unbekannten Details, die manchmal mehr erzählen, als man denkt.

Erkenntnisse über den Kölner Dom und die Uffizien

Wer weiß etwa, dass sich im Kölner Dom Reste versteinerter Korallen finden – herübergetragen aus der Sahara? Stöcker zeigt, was der Mensch in Natur und Architektur hinterlässt und wie die Natur die Welt des Menschen erobert. Staub sei ein Zeugnis für die Wertschätzung von Gegenwart und Vergangenheit. Sein Hinterlassen ein Zeichen für Missachtung der Umgebung, seine Beseitigung ein Beweis für die Ehrfurcht, die man einem Gebäude entgegenbringt.

Die Uffizien in Florenz etwa seien im Vergleich „sehr sauber“. Das sei alles andere als verstaubte Kunst oder Geschichte. Solche Beobachtungen und Gedanken teilt er während seiner Führungen, etwa durch den Kölner Dom, mit den interessierten Staublaien. Dabei legt er Wert darauf, nicht nur als Alleinunterhalter aufzutreten – wobei er einfach mitreißend erzählen kann. Wichtig ist ihm, mit seinen Gästen ins Gespräch zu kommen. Etwa über deren Verhältnis zu Staub. Oder über deren Sammelleidenschaften.

„Der Staub von Köln – Reise in den Mikrokosmos“
Führung mit Wolfgang Stöcker am Samstag, 28. August 2021 , 15 Uhr.
Ort: Große Grabstelle vor dem Römisch Germanischen Museum /
Roncalliplatz
15 Euro pro Person.
Anmeldung: 0221 / 179 39 84 oder info@stoeckerkunst.de.
www.stoeckerkunst.de

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Tags: Geschichte , Kunst

Kategorien: Leben in Köln