Leben in Köln

Zu Fuß in Köln unterwegs: Auch Schritte machen Verkehr

Philipp Haaser · 22.06.2022

Wie sicher sind die Straßen in Köln für Fußgänger? Foto: Costa Belibasakis

Wie sicher sind die Straßen in Köln für Fußgänger? Foto: Costa Belibasakis

Lange galt: Wer nicht motorisiert ist, ist kein vollwertiger Verkehrsteilnehmer. Dass Fußgänger besonders gefährdet sind und spezielle Bedürfnisse haben, dringt aber langsam durch.

Am Hans-Böckler-Platz war Schluss. Den Rückweg vom jüdischen Friedhof weit im Westen erwanderte Wolfgang Becker quer durch Ehrenfeld. Jetzt stieg er in die U-Bahn. Er gehe gerne zu Fuß, erzählt er. Wetterfeste Kleidung, gutes Schuhwerk und eine Schirmmütze gegen die Sonne: Becker selbst bezeichnet sich als Flaneur, als einen, der gerne spazieren geht, die Straßen der Stadt einteilt in „solche, die einen locken, und solche, die abschrecken“. Als jemand, der den Trubel genießt, der unterwegs ist, um Freunde und Bekannte zu treffen.


Wolfgang Becker engagiert sich im Fuß e. V. für Fußgänger. Foto: Costa Belibasakis

„In der Stadt kriegt man manche Sachen nur mit, wenn man zu Fuß unterwegs ist“, sagt er. Zufußgehen ist für den Ruheständler aber nicht nur Zeitvertreib. Becker engagiert sich im Fuß e. V., einem bundesweiten Fachverband, der auch in Köln aktiv ist und sich für die Belange der Fußgänger einsetzt. Denn er hält sie für die wichtigsten Verkehrsteilnehmer und das Zufußgehen für die ideale Fortbewegung in der Stadt, wenn diese nachhaltig werden und für alle lebenswert bleiben soll.

Die Voraussetzungen dafür bringt der diplomierte Wirtschaftsgeograf so auf den Punkt: „Keine Hindernisse. Keine Umwege. Die Wege müssen interessant gestaltet sein. Und man muss entspannt gehen können.“

Umfragen zeigen: Fußgänger-Bedürfnisse jahrelang vernachlässigt

Im September 2021 hatte Oberbürgermeisterin Henriette Reker mit zwanzig anderen Stadtoberhäuptern an die Bundesregierung appelliert, die rechtlichen und materiellen Voraussetzungen zu schaffen, damit die Kommunen die Nachhaltigkeit zum obersten Gebot der Verkehrsplanung machen können.

Und auch wenn die Verkehrswende in aller Munde ist und in der Stadt bereits an vielen Stellen sichtbar wird: Die Realität ist von Beckers Ideal noch ein gutes Stück entfernt. Der ADAC befragte im vorigen Jahr Men- schen, die als Fußgänger in einer der 16 deutschen Großstädte unterwegs waren. Das Ergebnis: In keiner anderen Stadt fühlen sich Fußgänger so unsicher wie in Köln.

"Keine Hindernisse. Keine Umwege. Die Wege müssen interessant gestaltet sein. Und man muss entspannt gehen können.“

Wolfgang Becker, Mitglied im Fuß e. V.

 


Wolfgang Becker. Foto: Costa Belibasakis.

Kölner Passanten fühlen sich unsicher

Nur 37 Prozent der Kölner Befragten sagten, dass sie sich sicher fühlen. 70 Prozent von ihnen gaben als Grund abbiegende Autofahrer an, zwei von drei nannten zugeparkte Gehwege, abgestellte Fahrräder, E-Scooter, Roller, Motorräder und am Straßenrand geparkte Autos, die die Sicht auf die Fahrbahn versperren. Ähnlich viele stören sich an Rad- und E-Scooter-Fahrern auf dem Gehweg und am geringen Abstand, wenn sie überholen.


Zwischen Mülltonnen und Außengastronomie: Therese Urfey bewältigt mit Mühe den Parcours mit ihrem Rollator. Foto: Costa Belibasakis.

Auch die Infrastruktur ist unzureichend. Kurze Grünphasen, große Abstände zwischen Überwegen, schmale Bürgersteige, geteilte Rad- und Fußwege. „Die Stadt hat die Bedürfnisse von Fußgängern bei der Verkehrsplanung jahrelang vernachlässigt. Da ist zu wenig passiert. Deswegen ist die Frustration heute auch so groß“, sagt Roman Suthold, Mobilitätsexperte beim ADAC Nordrhein.

Stolperfallen und kurze Grünphasen

Auch Dörte Gerstenberg klagt über schmale Gehwege, über unbeleuchtete Mittelalleen auf den Straßen ihres Veedels, der Südstadt, über Stolperfallen und über die kurzen Grünphasen. Als Beispiel nennt die Seniorin die vielbefahrene vierspurige Rheinuferstraße: „Da muss man schnell sein.“ Das alles gilt nicht nur in der südlichen Altstadt, bis heute geprägt von den engen mittelalterlichen Straßen.

Marita Scheeres vom SeniorenNetzwerk Zollstock koordiniert die Aktivitäten des Netzwerks im Stadtteil. Sie fasst zusammen, was den Mitgliedern spontan „nach einer lebhaften Diskussion“ eingefallen sei. Unebenheiten seien ein Problem, nicht nur, aber erst recht, wenn ältere Menschen auf eine Gehhilfe angewiesen sind. Das verschärfe sich, wenn am Abend das Licht nicht ausreiche. „Die Straßenlaternen beleuchten oft nur die Baumkronen am Straßenrand oder die Fahrbahnen“, sagt Scheeres. Dadurch bleiben die vielen Stolperfallen buchstäblich im Dunkeln.

Mit dem Rollator mobil

Auch im nördlichen Köln beschreiben Fußgänger die gleichen Probleme. Therese Urfey wohnt seit 1989 in Nippes. Seit knapp zehn Jahren nutzt sie einen Rollator. Manchmal lässt sie ihn zuhause, wenn sie weiß, dass sie an ihrem Ziel keinen Platz findet, um ihn abzuschließen. Sie ist froh, dass sie ihre alltäglichen Besorgungen fußläufig erledigen kann. Jeden Tag sei sie auf der Neusser Straße unterwegs, zwischen Kaufhaus, Bio-Supermarkt, dem Markt auf dem Wilhelmplatz und der Praxis ihres Physiotherapeuten.


Kreuzungen, die man diagonal queren kann, sind fußgängerfreundlich, aber leider selten. Foto: Costa Belibasakis.

Das Angebot im Veedel weiß sie wie die meisten Nippeser zu schätzen. Für Urfey, die kein Auto besitzt, bedeutet es Eigenständigkeit. Einzige Schwierigkeit: Die Bürgersteige der Neusser Straße sind an einem gewöhnlichen Werktag voll. Urfey navigiert ihren Rollator behände um alle Hindernisse, schiebt auch schon einmal eine Mülltonne zur Seite, um die Straße queren zu können. Sie ärgert sich über die fehlende Rücksicht derjenigen, die ihre Fahrräder oder E-Scooter so abstellen, dass sie für andere zum Hindernis werden. „Das müssten die doch eigentlich merken“, meint sie. Sie komme zwar überall durch, die Frage sei nur, wie.

Dazu kommt laut Urfey, dass die Fußgängerampeln, je eine am Anfang, in der Mitte und am Ende der gut 700 Meter langen Einkaufsstraße, nicht ausreichen. „Für jemanden, dem die Knochen weh tun, ist das zu weit“, sagt sie zu den Entfernungen. Deswegen engagiert sie sich in ihrem Stadtteil, ist Teil des regen Senioren- Netzwerkes und hat sich mit Vorschlägen und Anregungen an der Neuplanung der Einkaufsstraße beteiligt.

Mobilitätskonzept mit Fußverkehr

Man kann die vielen Probleme addieren und als Folge einer Verkehrsplanung sehen, die viele Jahrzehnte dem Auto den absoluten Vorrang gewährte. Im Mobilitätskonzept „Köln Mobil 2025“, das 2014 verabschiedet wurde, zeigt sich, dass längst neue Prioritäten gelten. Der Umweltverbund, also Busse, Bahnen und Fahrräder, sollen in naher Zukunft zwei Drittel des Verkehrs ausmachen, so das Ziel. Der Ausbau des Stadtbahn-Netzes, ein strukturiertes Radwegenetz und viele weitere Maßnahmen wurden zwischenzeitlich neu erarbeitet und umgesetzt. Fußgänger standen zunächst nicht im Fokus.

Im Mobilitätskonzept war noch eine größere „Aufenthaltsqualität im Stadtraum“ das Ziel. Inzwischen finden sie jedoch auch als Verkehrsteilnehmer mehr Beachtung. Verkehrsplaner und Bürger haben sich 2019 die Südstadt systematisch angeschaut und ein Fußverkehrskonzept entwickelt, das auch als Modell für andere Stadtteile dienen soll. Danach wurde ein Radstreifen auf der Nord-Süd-Fahrt eingerichtet, um Radfahrern eine Alternative zur engen Severinstraße anzubieten. Am Severinswall entstand eine Mobilitätsstation mit Parkplätzen für Lasten- und Leihräder sowie Elektroroller.


Sogar in ausgewiesenen Fußgängerzonen versperren Fahrräder und E-Roller den Weg. Foto: Lydia Schneider-Benjamin.

Fußverkehrsbeauftragter kümmert sich

Der Anteil der Kölner, die ihre Wege zu Fuß bewältigen, liege mit rund einem Viertel relativ hoch, heißt es aus dem Amt für Verkehrsmanagement. Aber immer noch werde das Auto zu oft für kurze Distanzen genutzt. „Freie Gehwege, ein subjektives wie objektives Sicherheitsgefühl im Straßenverkehr können die Akzeptanz für das Zufußgehen noch erhöhen“, sagt Nico Rathmann, der im Frühjahr seine Arbeit als Fußverkehrsbeauftragter der Stadt Köln aufgenommen hat.
Ein wichtiges Mittel: Parkplätze sollen reduziert und die so gewonnenen Flächen Fußgängern und Radfahrern zugutekommen. So ließen sich auch zahlreiche Konfliktsituationen entschärfen, betont Rathmann.

In der Fleischmengergasse südlich des Neumarktes, am Friesenwall, an den Ringen, am Eigelstein oder künftig auf der Venloer Straße: Überall, wo neue Fahrradstraßen eingerichtet oder Straßen an ihre veränderte Nutzung angepasst werden, profitieren Radfahrer und Fußgänger, das Tempo sinkt und die Situation wird für alle entschärft. Fahrradständer, Abstellflächen für Roller und Ladezonen für Lieferwagen können die Planer damit auf den Bürgersteigen freigeben. Rathmann: „Fußverkehr erfordert viel Detailarbeit, die sich aber lohnt.“


In der Altstadt wurde Parken verboten und so vorbildlich mehr Platz für Fußgänger geschaffen. Foto: Lydia Schneider-Benjamin.

Platz schaffen auf dem Trottoir

In Nippes steht die Umgestaltung der prosperierenden Haupteinkaufsstraße noch bevor. Die Bezirkspolitiker, Anwohnende und Interessenverbände diskutieren seit einigen Jahren mit der Stadtverwaltung intensiv, wie sie aussehen soll. Die Tische und Stühle der Cafés, Aufsteller, mit denen die Geschäfte ihre Waren anpreisen, dazwi- schen Fahrräder, E-Scooter und Baustellen: Während sich die Fußgänger noch auf den schmalen Bürgersteigen drängen, wirken die Fahrbahnen für die Autos überbreit. Der Schutzstreifen für die Radfahrer scheint zwischen Parkbuchten und Fahrbahnrand gequetscht.

Zeitgemäß ist das nicht mehr, so das einhellige Urteil der Bezirkspolitiker. Tempo 30 haben sie bereits durchgesetzt. Für die Umgestaltung gilt folgendes Ziel: Platz schaffen für Kinderwagen, für Menschen mit und ohne Gehhilfen, für den Schaufensterbummel, für ein Schwätzchen und für Flaneure wie Wolfang Becker. Ihnen gehört die Zukunft.

Liebe Liebe Kölner*innen,


Foto: Jens Koch

Zufußgehen ist die unmittelbarste Art des Vorankommens. Von den ersten Schritten, die im Leben eines Kleinkindes ein Staunen über die eigene Fähigkeit auslösen, bis ins hohe Alter gehen wir täglich ungezählte Schritte. Doch unser Wunsch, zu Fuß zügig von A nach B zu kommen, wird in Metropolen wie Köln mitunter von Hindernissen eingeschränkt. Der vorhandene Platz ist knapp und die „gerechte“ Aufteilung der Verkehrsflächen ist eine schwierige Herausforderung.
Die Stadt Köln nimmt diese Herausforderung an und hat dabei die Interessen der Fußgänger*innen fest im Blick. An vielen Stellen in der Stadt haben wir bereits mehr Platz für Fußgänger*innen geschaffen, indem wir dem Radverkehr eigene Spuren auf der Fahrbahn widmen und die Gehwege damit verbreitern konnten – sichtbar bereits an den Kölner Ringen. Auch durch die Umwandlung von Auto- in Fahrradparkplätze in der Kölner Altstadt konnten Barrieren auf Gehwegen beseitigt werden.
Ich darf Ihnen versichern: Die Stadt Köln wird wei- terhin mit allen Kräften daran arbeiten, den Kom- fort für Fußgänger*innen in unserer Stadt zu erhö- hen. Umso mehr freue ich mich darüber, dass wir in der Kölner Stadtverwal- tung erstmals einen Fuß- verkehrsbeauftragten ein- stellen konnten, der seit März 2022 in dieser Funk- tion für Köln im Einsatz ist. Er ist künftig die wichtigste Ansprechperson in der Verwaltung und wird die Be- lange der Fußgänger*innen sowie Problembereiche genau unter die Lupe nehmen. Ich wünsche ihm ei- nen guten Einstieg in seinen Tätigkeitsbereich und Ihnen viel Freude beim Lesen dieser neuen Ausgabe der Zeitschrift „KölnerLeben“ mit dem Leitartikel zum Fußverkehr.

Unterschritft Henriette Reker

Henriette Reker
Oberbürgermeisterin der Stadt Köln

Fußverkehrsbeauftragter der Stadt Köln
Nico Rathmann,
Stadthaus Deutz – Westgebäude,
Willy-Brandt-Platz 2, 50679 Köln,
E-Mail: fussverkehrsbeauftragter@stadt-koeln.de

Fuß e. V. – Gruppe Köln
Anne Grose,
Tel. 0178 / 136 43 78,
E-Mail: koeln@fuss-ev.de

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Tags: Mobilität in Köln , Verkehrssicherheit für Fußgänger

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