Leben in Köln

Leierkastenmusik von der Kurbel

Jürgen Schön · 19.07.2022

Stets mit einem Lächeln auf den Lippen: Werner Wittpoth in Aktion. Foto: Bettina Bormann

Stets mit einem Lächeln auf den Lippen: Werner Wittpoth in Aktion. Foto: Bettina Bormann

Drehorgelspieler sind beinahe vollständig aus dem Straßenbild verschwunden. Doch in Köln kann man noch ein paar von ihnen antreffen.

Es sind Bilder aus längst vergangenen Zeiten: Männer ziehen mit Leierkästen durch die Straßen der Städte, spielen in den dunklen Hinterhöfen, und die Nachbarn werfen ihnen in Papier gewickelte Münzen zu. Aber es gibt sie immer noch. Wenn sie auch immer seltener gegen den Straßenlärm anspielen.

Traditioneller Leierkasten in der Kölner Schildergasse

Einer der Letzten, die das Leierkasten- beziehungsweise Drehorgelspielen als Beruf ausüben, ist Werner Wittpoth. Die Schildergasse ist sein beliebtester Arbeitsplatz, viele Passanten werden dieses Kölner Unikat hier schon gesehen – und natürlich gehört – haben. Wittpoths Markenzeichen: standesgemäßer Frack mit Zylinder, vor allem aber sein freundliches Lachen.


Allein die mit Holzintarsien verzierte Drehorgel ist ein Schmuckstück. Foto: Bettina Bormann.

Seit 1984 ist der heute 61-Jährige als Leierkastenmann unterwegs. Blut geleckt hatte er schon als Junge – sein Vater war Hobby-Drehorgelspieler. Zuerst machte er eine Ausbildung als Versicherungskaufmann. Doch dann packte es ihn – und er stellte fest: „Davon kann ich leben.“

Einnahmequelle nach dem Krieg

„Als ich anfing, waren wir noch fünf in Köln“, erinnert er sich. Doch auch da war die große Zeit der Leierkastenmänner schon lange vorbei. Fast 3.000 waren etwa um 1900 in Berlin registriert. Nach 1918, Deutschland hatte den Ersten Weltkrieg verloren, war das Instrument eine wichtige Einnahmequelle für invalide Soldaten. Neben der obligatorischen Schale auf dem Leierkasten, in der das Geld gesammelt wurde, gehörte zur Ausstattung ein Affe, meist eine Meerkatze, ein Kapuziner- oder Rhesusaffe.

Die Tiere waren eine zusätzliche Attraktion und sollten die geworfenen Münzen vom Boden aufsammeln. Das ist inzwischen verboten. Hauptgrund: Den Primaten wurde das Trommelfell durchstochen. Die Hochfrequenzen der Musik machten sie sonst wild. Doch Affen dürfen auch heute nicht fehlen – aber nun sind sie eben aus Plüsch.

Alte Melodien in moderner Technik

Drehorgel spielen ist Schwerstarbeit. Da ist zum einen deren Gewicht, über 100 Kilo sind normal. Aber auch das Drehen der Kurbel lässt den Schweiß rinnen. Zusammengerechnet über den Tag werden da bis zu 3,6 Tonnen bewegt, weiß Wittpoth und empfiehlt deshalb: „Mit dem ganzen Körper drehen, nicht nur mit dem Schultergelenk.“


Ein Blick ins Innere offenbart eine komplexe Drehorgel-Technik. Foto: Bettina Bormann

Bei der Erweiterung des musikalischen Repertoires hilft heutzutage moderne Technik. Die ersten Drehorgeln – es soll sie schon seit dem 16. Jahrhundert geben, die genaue Herkunft ist jedoch unbekannt – arbeiteten mit Walzen. Daraus ragten Metallstifte, die der Luft den Zugang zu den Orgelpfeifen öffneten. Doch darauf passten höchstens acht Melodien. Kaum mehr Platz haben auch Papierlochstreifen. Deren zusätzlicher Nachteil: Keiner kann sie mehr reparieren.

Klassik, Tänze, Märsche und Volkslieder für die Feier

Heute hat ein Drehorgelspieler die „Noten“ für mehrere hundert Stücke dabei. Sie befinden sich auf einem elektronischen Chip, der in die Drehorgel gelegt wird und per Akku den Luftzugang in die Pfeifen regelt. Die Luft aber muss weiter mit Muskelkraft über einen Blasebalg hineingekurbelt werden. Tausende Titel werden zum Kauf angeboten, alles ist dabei: Klassik, Tänze, Märsche, Volkslieder, alte und neue Hits. Arrangeure haben die Originalmelodien für Leierkasten „umgeschrieben“.

Wie lange Wittpoth noch öffentlich aufspielt, ist ungewiss. Alter und Gesundheit machen ihm zu schaffen. Aufträge etwa vor dem Standesamt bei Hochzeiten nimmt er schon lange nicht mehr an. Auf ein Drehorgelkonzert etwa bei einer Familien- oder Firmenfeier muss dennoch keiner verzichten. Dafür steht zum Beispiel das Kölner Ehepaar Christl und Lothar Struwe bereit.

Tanzen im Stile der Zwanziger Jahre

Der 72-jährige Zahntechniker war schon als kleiner Junge von Orgelklängen gefesselt. Fasziniert lauschte er bei den Gottesdiensten der Klangfülle der Kirchenorgel. Vor acht Jahren brach dann die alte Liebe plötzlich auf. Er kaufte sich die erste Drehorgel, heute hat er vier – ausgestattet mit Glockenspiel, Schlagzeug, Becken und Klangholz. Aber auch mit Schalldämpfer. Als er seine Ehefrau fragte, ob sie mit ihm auftreten will, antwortete sie spontan und ohne Bedenken: „Ja, ich will!“


Christl Struwe spielt ihre eigene Drehorgel. Foto: Bettina Bormann

Die Struwes spielen in der Regel zusammen als Drehorgel Orchester Köln, nostalgisch im Stile der Varietés der Goldenen Zwanziger gekleidet, jeder mit eigener Orgel. Und wenn dann Frank Sinatras „Strangers In The Night“ ertönt, schmilzt Christl Struwe dahin. Und sicher nicht nur sie. Tanzen lässt sich übrigens auch wunderbar zu Musik aus dem Leierkasten.

Drehorgel Orchester Köln
Christl und Lothar Struwe,
Brüderstr. 20,
51491 Overath,
Tel. 0175 / 347 80 28 oder 0221 / 497 19 66.
www.drehorgel-event.de

Bergisches Drehorgelmuseum
Kapellenweg 2–4,
51709 Marienheide,
Tel. 0176 / 43 03 80 47, 0178 / 611 64 08 oder 02264 / 201 31 81.
www.leierkastenheiterkeit.com

Sehen Sie ein kurzes Video von Werner Wittpoth und seiner Drehorgel auf YouTube:


Quelle: Hans Peter Palm / YouTube.

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Tags: Traditionen in Köln , Volkslieder und moderne Hits

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