Ratgeber

Kopf in den Sand hilft nicht

Diana Hass · 03.09.2020

Illustration: jokatoons / stock.adobe.com

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Es ist eine belastende Situation, wenn einem Schulden über den Kopf wachsen. Doch jetzt bloß nicht wie Vogel Strauß verhalten, es gibt immer Lösungen. Die Schuldnerberatung kennt sie.

Die gelben Briefumschläge stapeln sich auf dem Tisch. Die Bank fordert Raten für einen Kredit. Strom, Gas und Miete sind seit Monaten überfällig. Erwin R. (78) öffnet die Umschläge nicht mehr. Er sieht keinen Ausweg. So wie ihm geht es nicht wenigen Kölnern, die im Alter Schulden nicht zurückzahlen können.

„Senioren mit Schulden haben oft richtig große Angst vor den Mahnbriefen. Und: Sie halten ihre Situation oft für ausweglos“, weiß Claudia Lautner, Schuldnerberaterin beim Diakonischen Werk Köln und Region.

Schuldneratlas

Neunzig überschuldete Kölner zwischen 60 und 89 Jahren suchten dort im vergangenen Jahr Hilfe. Insgesamt waren es bei den verschiedenen Schuldnerberatungsstellen in ganz Köln mehrere Hundert. Die „Altersüberschuldung“ nimmt zu, stellt auch der„Schuldneratlas 2019“ fest. Die Überschuldung bei Rentnern ist deutschlandweit innerhalb eines Jahres fast um die Hälfte angestiegen.

Überträgt man die Statistik auf Köln heißt das: Schätzungsweise mehr als 3.000 Rentner in der Domstadt können ihre Schulden nicht zurückzahlen. Sie sind schlichtweg überfordert. Dabei gibt es Hilfe: Eine Vielzahl von Schuldnerberatungsstellen kümmert sich um solche Menschen, sie haben Anspruch auf diesen unentgeltlichen Service.

Viele suchen die Schuld bei sich

Im Fall von Erwin R. schlug der ambulante Pflegedienst Alarm. „Sie haben mir mitgeteilt, dass sie ihn nicht mehr waschen konnten, weil es kein warmes Wasser mehr gab“, sagt Lautner. Strom und Gas waren abgestellt worden. Lautner und ihre Kollegin Ingrid Biemer besuchen die Senioren bei Bedarf auch zu Hause. Allerdings werden sie häufig erst spät eingeschaltet, einige Senioren haben dann schon einen langen Leidensweg hinter sich.

„Vor allem Senioren fällt es schwer, sich Hilfe zu suchen“, hat Lautner festgestellt. „Sie schämen sich. Sie sparen am Essen, waschen mit der Hand, wenn die Waschmaschine kaputtgeht, gönnen sich gar nichts mehr und kommen ohne Strom aus.“ Nicht selten sind Depressionen die Folge.

Besonders schlimm findet die Expertin: „Die ältere Generation sucht die Schuld bei sich und die Menschen haben oft fürchterliche Angst, dass man ihnen alles wegnimmt und sie sogar ins Gefängnis kommen.“

Schritt für Schritt zu einer Lösung

Scham und Ängste sind unbegründet. Das macht Lautner allen Ratsuchenden klar. „Wenn sie es verstehen, sind sie sehr erleichtert.“ Viele haben mit niemandem über ihre Situation gesprochen. Noch nicht einmal mit dem Partner oder den Kindern.

Die Schuldnerberaterin guckt genau hin und verschafft sich einen Überblick über die persönliche Situation. Dann packt sie an. Sie führt Gespräche mit Banken und Gläubigern, verhandelt, schreibt Briefe.

„Ich mache das so lange, bis eine Lösung gefunden ist. Grundsätzlich gibt es die für jede Situation.“

Zuerst schaut Lautner, wie viel Geld überhaupt zur Verfügung steht. „Einkünfte bis 1.179,99 Euro sind nicht pfändbar, da kann keiner dran“, heißt eine Grundregel.

Wichtig: ein pfändungsfreies Schutzkonto anzulegen, damit Gläubiger nicht einfach abbuchen lassen können. Zuweilen bezahlen Rentner jahrelang kleine Raten ab, ohne dass sich am Gesamtforderungsbetrag etwas ändert. „Es ist völlig falsch, Raten zu bezahlen, ohne ordentlich beraten zu sein“, stellt Lautner klar.

Hartes Verhandeln zum Wohl des Schuldners

Gerade ab dem Rentenalter, wenn sich die Einkünfte verknappen, wird es schwierig, Schulden zu tilgen. „Wenn zum Beispiel der Ehepartner mit der höheren Rente stirbt, ist das ein Wahnsinnsproblem. Köln ist teuer.“ Auch eine Scheidung kann dazu führen, dass Geldforderungen, die vorher beherrschbar waren, aus dem Ruder laufen.

Gläubigern sind die persönlichen Lebensumstände indes meist egal. „Denen macht es nichts, die alten Leute unter Druck zu setzen“, weiß Lautner. Die Fachfrau beeindrucken böse Briefe nicht. Sie kann hart verhandeln. Oft lohnt es sich, einen Vergleich zu schließen und einen Teilbetrag zu zahlen. „Hier können manchmal Kinder einspringen.“

Vorsicht beim Erbe

Wichtig ist immer, dass die Karten offen auf dem Tisch liegen. Sind die Schulden so hoch, dass sie nicht aus der Welt geschafft werden können, müssen Ehepartner und Kinder informiert werden. „Man kann auch Schulden vererben. Also müssen die Erben Bescheid wissen und das Erbe ausschlagen.“

Wer sich vollständig entschulden will, für den gibt es das private Insolvenzverfahren. Fünf Jahre lang wird alles Einkommen, das über der Pfändungsgrenze liegt, an die Gläubiger verteilt, danach werden die Restschulden erlassen. „Viele Menschen, die keine Schulden vererben wollen, wählen diese Möglichkeit“, sagt Lautner.

Auch im Fall von Erwin R. hat die Schuldnerberaterin dafür gesorgt, dass er wieder Zuversicht geschöpft hat. Als alles geklärt war, rief er sie an und sagte: „Sie sind ein Engel.“

Weitere Hilfen und Informationen erhalten Sie jeweils unter dem Link Adressen und Beratungsstellen sowie beim Beratungstelefon der Stadt Köln unter Tel. 0221 / 221-2 74 00

Schulden-Helpline
Kostenfreier Anruf: 0800 / 689 68 96
Webseite: www.schuldenhelpline.de

Schuldnerhilfe Köln GmbH (Deutz)
Terminvergabe: 0221 / 34 61 40.
Webseite: www.schuldnerhilfe-koeln.de

Ratgeber:
Claudia Lautner, Maike Cohrs: „Schuldenfrei im Alter“
96 Seiten, 4. Auflage 2019
Bestellen: Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) e. V.
Noeggerathstr. 49
53111 Bonn
Tel. 0228 / 249 99 30
Herunterladen: www.bagso.de

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Tags: Armut , Wohnen im Alter

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