Gesund leben

Diabetes: Kein Zuckerschlecken!

Thorben Grünewälder · 06.01.2021

Foto: deagreez / stock.adobe.com

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Diabetes, auch Zuckerkrankheit genannt, droht die Volkskrankheit Nummer 1 zu werden. Aber ob man erkrankt oder nicht, hat zum Glück fast jeder selbst in der Hand. Lesen Sie aktuelle Fakten.

Gebäude, die bis an den Himmel reichen, Staatsoberhäupter mit einem Sinn für Theatralik und einer Vorliebe für Süßes. Nein, die Rede ist nicht von den USA. Gemeint sind die alten Ägypter. Untersuchungen an Mumien haben gezeigt, dass bereits die Pharaonen an Diabetes litten. Heute – mehr als 3.000 Jahre später – sind weltweit rund 420 Millionen Menschen, vor allem in den Industriestaaten, betroffen – in der Hauptsache vom Typ-2-Diabetes.

In der traurigen Länder-Hitliste steht Deutschland auf Platz 7, jeder Zehnte ist hier daran erkrankt. Und die Prognose sieht düster aus: Eine aktuelle Studie des Deutschen Diabetes Zentrums (DDZ) und des Robert Koch-Instituts (RKI) stellt in Aussicht, dass es 2040 bis zu zwölf Millionen Menschen sein könnten, also ein Anstieg um 50 Prozent. In Köln waren es nach einer Schätzung der AOK Rheinland 2017 etwas mehr als 7 Prozent, das macht 78.000 Kölnerinnen und Kölner. Mehr die Hälfte sind älter als siebzig.

Was ist Diabetes überhaupt?

Der Volksmund nannte Diabetes früher auch „Zuckerkrankheit“, der Name spiegelt Ursache und Wirkung gleichermaßen wider. Denn wer viel Zucker zu sich nimmt, hat es auch im Blut – und damit fängt das Verhängnis an. Um eines vorwegzunehmen: Wenn wir Zucker sagen, meinen wir Kohlenhydrate, denn sie werden für die Energieverwertung aufgespalten und in Zucker (Glucose) umgewandelt. Das gilt für raffinierten Zucker genauso wie für das Brötchen aus Mehl.

Wenn man Kohlenhydrate isst, steigt also der Blutzuckerspiegel. Der Zucker wird als Energielieferant in den Körperzellen benötigt. Um ihn dahin zu schleusen, produziert die Bauchspeicheldrüse das Hormon Insulin und schüttet es ins Blut aus. Dabei geht es nach dem Motto: viel Zucker, viel Insulin. Ist der Schleuservorgang beendet, pendelt sich der Blutzuckerspiegel wieder auf einen Normalwert ein.


Energie muss verwertet werden. Foto: deagreez / stock.adobe.com

Erste Symptome und Beschwerden

Dieses System von Angebot und Nachfrage ist jedoch störungsanfällig und kann durch verschiedene Ursachen aus dem Gleichgewicht geraten. Die Folge: Das Signal, dass die Zelle die Schleuse öffnen soll, wird gestört. Der Zucker gelangt nicht mehr in die Zelle, der Blutzuckerspiegel bleibt hoch. Passiert dies immer wieder, macht die Bauchspeicheldrüse mit der Zeit schlapp: Sie produziert immer weniger Insulin, die Krankheit beginnt in einem schleichenden Prozess.

Zuerst gibt es keine ernsthaften Beschwerden, aber sie sollten alarmieren. Dazu gehören häufiges Wasserlassen, starker Durst, trockene, juckende Haut, schlecht heilende Wunden, ständige Abgeschlagenheit. Schon jetzt sollte man diese von einem Arzt abklären lassen, denn schon in der Frühphase der Krankheit werden die Blutgefäße, Nerven und die Nieren geschädigt. Man kann sofort gegensteuern: mit einer gesünderen Lebensweise und gegebenenfalls der Zugabe von künstlichem Insulin in Tablettenform oder auch mit Spritzen.

Aber oft werden diese Warnhinweise übergangen. Wenn die Krankheit weiter fortschreitet, sind die gesundheitlichen Folgen schwerwiegend. Die schlimmsten: Augenschäden bis zur Erblindung und der „diabetische Fuß“, der bis zur Amputation führen kann. Geschätzt wird, dass sich die Lebenserwartung um bis zu sechs Jahre verkürzt.

Was sind seine Ursachen?

Um welchen Typ von Diabetes es sich handelt, hängt von der diagnostizierten Ursache ab: Bei Typ 1, der eher selten vorkommt, handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Das Immunsystem zerstört dabei die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse. Die Auslöser dafür sind noch nicht abschließend geklärt. Neben Umwelteinflüssen oder Virusinfektionen werden verschiedene Erbanlagen verdächtigt. Auch Kinder können schon davon betroffen sein. Doch die große Mehrheit leidet an Typ-2-Diabetes.

Es gibt zwar ein Risiko durch erbliche Veranlagung, aber hier ist die Ursache eindeutig: ein ungesunder Lebensstil, in erster Linie unsere westliche Ernährungsweise mit viel Zucker und Kohlenhydraten. Kommen dann noch Bewegungsmangel, Stress, Rauchen und zu viel Alkohol hinzu, sind die Voraussetzungen perfekt. Man ging lange davon aus, dass eher Senioren betroffen sind, deswegen wurde die Erkrankung auch Altersdiabetes genannt. Inzwischen ist die Realität eine andere: Immer mehr junge Menschen, sogar Kinder, erkranken am Typ 2, eine sehr besorgniserregende Entwicklung.


Die Statistik zeigt: Typ-2 Diabetes betrifft auch junge Menschen. Grafik: Gesundheitsatlas Deutschland.

Krank durch Zucker

Ein wichtiges Indiz, dass hier etwas aus dem Ruder läuft: Übergewicht. Die Hälfte der Frauen und zwei Drittel der Männer in Deutschland sind zu dick. Auch der Nachwuchs ist betroffen: Deutschlandweit sind 15 Prozent der bis 17-Jährigen übergewichtig, in Nordrhein-Westfalen 2019 jedes zehnte Kind schon bei der Einschulung. Und das, obwohl sich längst herumgesprochen hat, dass Kartoffelchips, Burger und Schokoriegel nicht täglich auf dem Speiseplan stehen sollten.

„Neben ungesunden Fetten sind die Kohlenhydrate, also Zucker, das Problem“, bestätigt auch die Kölner Ernährungsberaterin und Personaltrainerin Ursula Klein. „Vor allem schnelle Kohlenhydrate, wie sie in Reis, Nudeln oder Weißbrot vorkommen, sollten im wahrsten Sinne des Wortes mit Vorsicht genossen werden.“ Schnell meint: fast sofort als Glucose verfügbar, da der Umwandlungsprozess nicht etwa durch Ballaststoffe gebremst wird. Die Folge: Der Blutzuckerspiegel schießt unmittelbar in die Höhe.

Gesüßte Lebensmittel

Doch Hauptübeltäter ist der Industriezucker in seinen vielfältigen Varianten, heute nicht mehr nur aus der Zuckerrübe, sondern auch aus Äpfeln, Molke, Gerste und vielem mehr raffiniert. Die Schwierigkeit zu erkennen, in welchen Lebensmitteln er sich überhaupt befindet, ist groß. Er ist auch dort, wo man ihn nicht vermutet: Egal ob Brot, Rotkohl im Glas, Studentenfutter, Gewürzgurken, alles wird gezuckert. Auch als gesund beworbene Müsliriegel enthalten zum Beispiel drei Stück Würfelzucker.

Wussten Sie, dass ein Cappuccinopulver zu 40 Prozent aus Zucker bestehen kann, obwohl er nicht auf der Zutatenliste steht? Der Trick: Süßmolkenpulver. Unter immerhin 55 Tarnnamen wird Zucker beigesetzt: Klar ist es ja noch, wenn ein Wortbestandteil Zucker ist, etwa Traubenzucker oder Zuckerrübensirup. Aber Glukosesirup, Apfelsüße, Gerstenmalz und Vollmilchpulver verschleiern den wahren Gehalt.

Und alles, was auf -ose endet, ist Zucker: Fructose, Glucose, Laktose, Maltose, um nur einige zu nennen. Dabei sollte man als Erwachsener nur etwa 50 Gramm Zucker täglich zu sich nehmen, so der Richtwert der Weltgesundheitsorganisation WHO. Das entspricht gerade einmal zwölf Teelöffeln, für Kinder die Hälfte. Angesichts der Verschleierungstaktiken scheint dies schwer umsetzbar.


Kaffee schwarz trinken reicht nicht. Wer auf Nummer sicher gehen will, nascht Gemüse. Foto: deagreez / stock.adobe.com

Wie ernähre ich mich besser?

„Wir müssen auf nichts verzichten, sondern nur Maß halten“, betont Ernährungsexpertin Klein. „Gemüse in allen Farben und Formen ist genauso erlaubt wie frischer Fisch, Hülsenfrüchte oder Obst.“ Am besten ist es, mit frischen, vor allem pflanzlichen Lebensmitteln zu kochen. So behält man die volle Kontrolle über die Mahlzeiten und deren Zuckergehalt – und damit letztlich auch über die Speckröllchen.

Weißmehl sollte gegen Vollkornmehl oder -flocken eingetauscht werden. Diese enthalten komplexe Kohlenhydrate und lassen den Blutzuckerspiegel nur langsam ansteigen. Besonders die ballaststoffreichen Haferflocken haben eine positive Wirkung auf die Blutwerte. Wer hin und wieder zwei „Hafertage“ einlegt, kann laut aktuellen Studien seinen Insulinbedarf um ganze 40 Prozent senken.

Auch Getränke können tückisch sein, besonders Alkohol: Jedes Gramm enthält mit 7,2 Kilokalorien einen ähnlich hohen Brennwert wie Fett, genauso steht es um Fruchtsäfte.

Schluss mit Couchkartoffel

„Ernährung und Entspannung sind aber nur eine Seite der Medaille“, so Klein. „Fast noch wichtiger ist regelmäßige Bewegung.“ Sie ist nicht nur gut für Herz und Blutdruck, sondern senkt auch den Blutzuckerspiegel, die Empfindlichkeit der Körperzellen für Insulin wird verbessert. Ein weiterer Effekt: Durch einen höheren Energieverbrauch kann das Gewicht besser gehalten oder verringert werden.

Selbst wer ein Sportmuffel ist, wird bei Treppensteigen, ausgedehnten Spaziergängen oder Walken seine Fitness steigern. Auch gelenkschonendes Radfahren oder Schwimmen können sehr gut tun. Wer lange keinen Sport getrieben hat, sollte sich allerdings vorab gründlich durchchecken lassen.

Wer schon an Diabetes erkrankt ist, kann damit zumindest den Krankheitsverlauf verzögern oder sogar heilen. „Mit einer gesunden Ernährung und gezieltem Training schaffen es viele Diabetiker, ihre Blutwerte in den Griff zu bekommen“, betont die Ernährungsexpertin Klein. Aber:

„Das gilt nur dann, wenn der neue, gesunde Lebensstil konsequent und dauerhaft durchgezogen wird. Ein bisschen Willenskraft ist also nötig. Aber für ein Leben ohne Diabetes ist es das allemal wert.“

Ein Diabetes-Selbsttest ist in Apotheken und Drogerien erhältlich. Bei Verfärbung des Harnzucker-Teststreifens zur sicheren Abklärung einen Arzt aufsuchen. Krankenkassen bieten – oft kostenlos –Sport- und Ernährungsprogramme zur Vorbeugung.

Beratung und Information:
diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe e. V.
Tel. 030 / 20 16 77-0.
www.diabetesde.org

Deutsche Diabetes-Hilfe – Menschen mit Diabetes e. V.
Tel. 030 / 63 228-700/-701.
www.menschen-mit-diabetes.de

Selbsthilfegruppe finden:
Selbsthilfe-Kontaktstelle Köln:
Tel. 0221 / 95 15 42 16.
www.selbsthilfekoeln.de


Abbildung des Buchcovers: Claudia Krüger: Wie ernähre ich mich bei Diabetes?

Ratgeber der Verbraucherzentrale:
Claudia Krüger: Wie ernähre ich mich bei Diabetes? 240 Seiten mit Rezepten.
Zurzeit 19,53 Euro.
ISBN 978-3-86336-121-1

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Tags: Diabetes , Ernährung

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