Raus aus Köln

Kölner auf Rettungsmission im Mittelmeer

Jürgen Schön-KölnerLeben Ausgabe 6/2017 · 04.01.2018

Frank Kadow mit einem geretteten Kleinkind (links); Flüchtlinge werden per Schlauchboot in Sicherheit gebracht (rechts). Foto: privat

Frank Kadow mit einem geretteten Kleinkind (links); Flüchtlinge werden per Schlauchboot in Sicherheit gebracht (rechts). Foto: privat

Frank Kadow fuhr im Sommer zwei Wochen lang als Kapitän auf der „Seefuchs“. Für eine deutsche Nichtregierungsorganisation (NGO) half er vor Libyens Küste bei der Rettung von Flüchtlingsbooten.

„Ich half dem kleinen Jungen an Bord und freute mich mit meinem wenigen Englisch, dass er noch von seinem Papa begleitet wurde. Da sagte der Mann, der den Jungen anhob, er sei der Onkel. Der Vater sei vor zwei Stunden gestorben und über Bord gegangen.“ Als Frank Kadow das erzählt, werden seine Augen feucht. Er ist erst seit drei Wochen vom Mittelmeer zurück in Köln. Doch was der Rentner erlebt hat, lässt ihn immer noch nicht los: „Ich bin emotional zerrissen.“

Dabei hatte er sich auf das Schlimmste vorbereitet, als er sich in Rücksprache mit seiner Frau dazu entschloss, bei der NGO „Sea-Eye“ anzuheuern. Die wurde 2015 vom Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer gegründet und besitzt zwei Schiffe: die „Seefuchs“ und die „Sea-Eye“. Der Umbau der knapp 27 Meter langen ehemaligen DDR-Fischtrawler wie auch ihr Unterhalt und Betrieb werden von Spenden finanziert. Die ehrenamtliche Mannschaft wechselt alle zwei Wochen, Vor- und Nachbereitung sind Pflicht.

Die Aufgabe ist genau umrissen: Wird außerhalb der libyschen Hoheitsgewässer ein Flüchtlingsboot gemeldet oder selber gesichtet, heißt es heranfahren. Ein Beiboot mit drei Mann, fünfzig Schwimmwesten und Trinkwasser wird losgeschickt. Bei den Flüchtlingen wird ein Ansprechpartner gesucht, der die anderen beruhigt und dafür sorgt, dass die Schwimmwesten verteilt werden. Reichen sie nicht, wird Nachschub geholt.

Ein großartiges Team

Im Prinzip soll die Seefuchs größere Schiffe über Funk heranrufen, die die Flüchtlinge übernehmen und in einen sicheren Hafen bringen. Nur wenn das Schlauchboot überladen ist oder zu sinken droht, sollen Flüchtlinge direkt übernommen werden – doch haben die kleinen Schiffe nur Platz für wenige Personen. Für die anderen stehen Rettungsinseln bereit.

„Ein tolles Team“, lobt Kadow die neun Männer und Frauen seiner Crew. Darunter auch ein junger Arzt. Doch der war machtlos, als sie einen Mann mit offenem Beinbruch an Bord holten. Ohne Hilfe wäre er bald gestorben. Erst nach komplizierten Funksprüchen und der Übernahme auf ein anderes Schiff konnte er mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus geflogen werden. Das Wetter sei gut gewesen, „höchstens Windstärke 4 bis 5 mit 2,50 Meter hohen Wellen“, erzählt Kadow. Ideal für eine Überfahrt in den Gummibooten, die die Schlepper für 300 Euro im Internet von chinesischen Händlern kaufen. Als „Flüchtlingsboot“ werden sie angeboten. Flüchtlinge sind heute ein globales Geschäft.

Man sieht immer nur die jungen Männer

Saßen vor zwei Jahren noch im Schnitt hundert Menschen in so einem Boot, sind es heute 150. „Auf den Fotos sieht man nur die jungen Männer, die außen auf dem dicken Wulst sitzen“, beschreibt der Vater einer Tochter und Opa eines Enkels das Bild. „Innen sitzen dichtgedrängt die Schwachen, die Frauen, Hochschwangere, Verletzte, Kinder. Inmitten von Scheiße, Pisse, Öl, Benzin und Salzwasser. Es zerreißt dir das Herz, wenn dir eine Mutter ihr Baby reicht, damit wenigstens es gerettet wird.“

Die nüchterne Bilanz von fünf Einsätzen, zwei davon mit anderen NGOs: 664 Menschen wurden gerettet, darunter 6 Verletzte und Kranke, 14 Kinder und 3 Babys. Die Seefuchs nahm vorübergehend 260 Menschen an Bord, darunter 17 Schwangere. Bei einem Schlauchboot waren vor Eintreffen der Seefuchs schon zwanzig Flüchtlinge an unbekannter Position ertrunken.

Kadow, heute 69 Jahre alt, fuhr in jungen Jahren zur See, machte später alle Sportboot-Führerscheine, die ihn berechtigen, die amtlich als „pleasure ship“, also als Privatjacht klassifizierte Seefuchs als Kapitän zu führen. War es Abenteuerlust, die alte Sehnsucht nach der Freiheit der Meere? Nein, ausschlaggebend für seinen Entschluss sei Hilfsbereitschaft gewesen. Aber auch Wut und Enttäuschung über eine Politik, die es seit Jahren hinnimmt, dass zehntausende Menschen im Mittelmeer ertrinken.

Wird sich Frank Kadow noch einmal für einen Einsatz melden? Die Frage erübrigt sich angesichts der aktuellen Lage. Frank Kadow: „Ein Skandal, dass die EU und damit auch die Bundesregierung die ungesetzliche Ausweitung der Hoheitsgewässer auf 70 Seemeilen akzeptiert. Und dann mit der libyschen Regierung und den Warlords zusammenarbeitet und die sogenannte Küstenwache aufrüstet, um Flüchtlinge an der Überfahrt zu hindern.“

Sea-Eye e. V.
Wiener Str. 14, 93055 Regensburg
Tel. 0170 / 709 74 64
Spendenkonto: Volksbank Regensburg
IBAN: DE 60 7509 0000 0000 0798 98
BIC: QENODEF1R01

 

 

 

Foto: Sea-eye.org

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