Leben in Köln

Wohngemeinschaft - eine Alternative fürs Alter?!

dk · 15.03.2019

Michael Kuschel und Gabi Pecher kochen manchmal gemeinsam. Foto: Thilo Schmülgen

Michael Kuschel und Gabi Pecher kochen manchmal gemeinsam. Foto: Thilo Schmülgen

Viele Menschen kennen Wohngemeinschaften aus jungen Jahren. Aber kann das im Alter auch noch Spaß machen? Extra: ein Grußwort von Henriette Reker - und ein Hinweis-Kasten zum Abschluss von Mietverträgen

Bei Michael Kuschel, 55, hatte es hauptsächlich finanzielle Gründe, in eine WG zu ziehen. Fünfzehn Jahre habe er in Frankfurt gelebt, doch mit dem Ende einer langen Beziehung zerbrach nach und nach auch der Freundes- und Bekanntenkreis. Die Möglichkeit, zurück nach Köln zu ziehen, kam für ihn wie gerufen. Seit dem Sommer 2018 wohnt er im Haus von Gabi Pecher, 57, in Bickendorf. Nachdem ihre beiden Söhne aus dem Haus waren, habe sie immer wieder Mitbewohner gehabt. Das habe stets gut funktioniert. Das Reihenhaus sei zwar klein, aber immerhin gebe es zwei Toiletten, und beim Duschen müsse man sich eben kurz absprechen.

Doch eine gewisse Umstellung sei ihre neue WG schon, schließlich seien ihre meist jüngeren früheren Mitbewohner viel unterwegs gewesen. Mit Michael sei das anders, da beide momentan wegen Krankheit nicht arbeiten. „Ich merke schon, dass mir das schwerer fällt, je älter ich werde“, sagt Gabi Pecher. Manchmal müsse sie einfach allein sein und sich zurückziehen in ihre „Höhle“, wie sie das nennt. Konflikte gebe es deswegen aber nicht. „Ich bin mittlerweile alt genug, um zu merken, wie die Stimmung beim anderen gerade ist, wenn Gabi zum Beispiel ihre Ruhe braucht“, erklärt Mitbewohner Kuschel. Auch in Sachen Ordnung und Sauberkeit funktioniere das Zusammenleben gut, sie wechselten sich im Wochentakt mit der Grundreinigung ab.

Drei Gläser im Kühlschrank, mit Namensschild Missverständnissen vorbeugen: Ein eigenes Fach im Kühlschrank ist wichtig, um Mein und Dein auseinanderzuhalten. Foto: Thilo Schmülgen

„Wer WG-Erfahrung mitbringt, achtet eher auf Dinge und spricht schneller an, was ihn stört“, ist sich Pecher sicher. „Ich finde es zum Beispiel total toll, dass Michael jeden Morgen als Erstes die Kaffeemaschine anstellt“, sagt sie. „Was gemacht werden muss, erledigt man auch mal zwischendurch und räumt zum Beispiel schnell die Spülmaschine aus“, ergänzt Kuschel. Das gehöre für ihn dazu, Respekt für den anderen sei wichtig. Außerdem sei er sehr froh über seine neue Bleibe, und das wolle er auch würdigen.

Wohnen nach Maß

Wenn Angelika Pohlert Bekannten erzählt, wie sie wohnt, stößt sie zunächst häufig auf Skepsis: „Oh Gott! Ich gebe euch fünf Jahre“, lautet eine typische Reaktion. Die 61-Jährige hat sich für ein ungewöhnliches Wohnmodell entschieden: Sie lebt mit zwei Frauen und einem Mann in einer Senioren-Wohngemeinschaft auf dem Clouth-Gelände in Nippes.

„Wir haben das Konzept der WG, wie man es aus Studententagen kennt, altersgerecht weiterentwickelt“, erklärt Peter Heinzke, 69, bei Kaffee und Knabberei am langen Holztisch der WG-Wohnküche. Das bedeutet: Vier Ein-Zimmer-Appartements gehen von einem etwa 12 Meter langen, schmalen Flur ab, jedes ist zwischen 40 und 45 Quadratmeter groß und hat ein eigenes Bad. Und sie sind Eigentum der jeweiligen Bewohner.

Gemeinsam nutzen statt allein besitzen

Das Besondere an dem Projekt in Nippes: Die WG liegt im zweiten Stock eines Wohnhauses, das die Baugemeinschaft „Wunschnachbarn“ errichtet hat. Die Bewohner – 16 Erwachsene und acht Kinder – teilen sich einen Gemeinschaftsraum, eine Werkstatt und die Gartenanlage.

Der Umzug in die WG habe eine große Veränderung bedeutet, erzählt die 65-jährige Mitbewohnerin Shahla Feyzi. „Vorher hatte ich fast 60 Quadratmeter für mich allein“, sagt sie. Jetzt habe sie weniger Platz, habe sich auch von manch Liebgewonnenem trennen müssen. „Am Anfang hätte ich schon heulen können“, sagt sie, heute lacht sie darüber.

Heinzke ergänzt: Jeder habe zwar weniger eigene Fläche als zuvor, könne aber mehr nutzen als früher. „Ich halte mich zum Beispiel gerne zum Lesen hier in der Küche auf“, erklärt er und streicht mit der Hand über die Rückenlehne des roten Sofas, das er in die WG eingebracht hat. Wichtig ist, wie die Bewohner generell zum Besitz stehen. „Wir teilen Vieles und nutzen zum Beispiel ein Auto gemeinsam“, sagt Heinzke.

Liebe Leserinnen und Leser,

Henriette Rekerdie Stadt Köln bietet in Kooperation mit verschiedenen Akteuren eine Reihe von Angeboten, die ebenfalls Wohnentwürfe für das Alter bieten: So ist das Projekt „Wohnen für Hilfe“, das Älteren die Gelegenheit gibt, vorhandenen Wohnraum jungen Studentinnen und Studenten gegen die Mithilfe im Haushalt anzubieten, seit Jahren sehr erfolgreich. Des Weiteren werden innovative Wohnformen wie das Mehrgenerationenwohnen gefördert. Hier sind fünf Pilotprojekte in Zusammenarbeit mit der GAG Immobilien AG entstanden. Darüber hinaus bietet die GAG an über 40 Standorten rund 2100 seniorengerechte Wohnungen an. Zum Konzept gehören Treffpunkte wie Gemeinschaftsräume, oft mit einer eingerichteten Küche und grünen Außenanlagen, die Platz für Begegnungen und gemeinsame Aktivitäten bieten.

Insgesamt gab es 2017 in Köln 4.421 öffentlich geförderte Seniorenwohnungen. Menschen, die einen Wohnberechtigungsschein haben, werden vom Amt für Wohnungswesen in Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle für Wohnungswechsel, „wohn mobil“ bei der Suche unterstützt. Wachsender Beliebtheit erfreuen sich auch ambulante Wohngruppen für körperlich und psychisch eingeschränkte Menschen genauso wie Wohnungen, die an Pflegeeinrichtungen wie den Sozial-Betrieben-Köln angeschlossen sind. Denn dort wird im Bedarfsfall auch professionelle Betreuung und Pflege angeboten.

Politik und Verwaltung arbeiten daran, die wachsende Zahl der älteren Menschen mit bedarfsgerechtem Wohnraum zu versorgen - damit möglichst viele zu Hause in ihrem Veedel lebenswert und unterstützt alt werden können!

Unterschritft Henriette Reker

Henriette Reker
Oberbürgermeisterin der Stadt Köln

Selbstorganisierte Senioren-WGs gebe es schätzungsweise nur etwa 2.000 in Deutschland, etwas häufiger im Westen als in den neuen Bundesländern, erklärt Ursula Kremer-Preiß, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin beim Kuratorium Deutsche Altershilfe, das Wohnformen für die ältere Generation untersucht. Einer Forsa-Umfrage zufolge könnte sich beinahe jeder fünfte über 60-Jährige das Leben in einer Wohngemeinschaft vorstellen, und fast zwei Drittel sind der Meinung, dass es WGs auch für die Älteren geben sollte.

Doch so schön die Vorstellung, so schwierig ist die Umsetzung in der Praxis. Oftmals seien Häuser und Wohnungen für Wohngemeinschaften nicht ausgelegt, weiß Kremer-Preiß, und selbst etwas Passendes zu bauen, sei für viele Menschen finanziell nicht möglich. Oft fehle es auch an passenden Grundstücken oder der Planungsprozess sei zu aufwändig. Schwierig sei es zudem, sich zu einigen, wie viel Gemeinschaft man will.

„Das Modell Senioren-WG hat durchaus Zukunft“, sagt die Expertin, Untersuchungen belegten das große Interesse. Schließlich suchten viele Menschen nach Wegen, so lange wie möglich selbstbestimmt zu leben und nicht zu vereinsamen. Außerdem sei die Generation der „Baby-Boomer“, also der um 1968 Geborenen, aufgeschlossen für WGs. Auch mit Blick auf die wachsende Altersarmut würden sich Senioren künftig möglicherweise häufiger zusammenschließen.

Tags: Wohnen

Kategorien: Leben in Köln , Ratgeber