Leben in Köln

Später Neuanfang

Karin Bünnagel -KölnerLeben Ausgabe 5/2016 · 29.03.2017

Fotos: Fotolia © Utirolf/priv.

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Ein Ehepaar baut sich sein Leben auf. Kinder, Eigentumswohnung, Geschäft – alles ist in Ordnung. Doch dann zwingt der Bürgerkrieg in Syrien die beiden zur Flucht.

Nur wenige Senioren sind unter den Flüchtlingen, die beispielsweise aus Syrien, Eritrea oder Afghanistan nach Europa kommen. Wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mitteilt, waren in dem Zeitraum Januar bis Juli 2016 mehr als 73 Prozent der Asylantragssteller jünger als 30 Jahre alt. Die über 50-Jährigen kommen in dem gleichen Zeitraum auf gerade mal 2,7 Prozent.
Unter ihnen sind auch Abdulrahman Wokas und seine Frau Khadija Konja Ohghili. Das syrische Ehepaar lebt seit neun Monaten in Deutschland. Der 53-Jährige und seine Frau haben sechs Kinder, bis auf eines sind alle volljährig. Untergebracht ist das Ehepaar mit seinem jüngsten Sohn in einem Wohncontainer in Köln. In der Anlage leben überwiegend Familien sowie alleinreisende Frauen und Männer.

Besonders schutzbedürftige Personenkreise

Flüchtlinge, die über 65 Jahre alt sind, zählen generell zu dem Personenkreis der besonders Schutzbedürftigen. „In Köln wird diese Gruppe jetzt stärker in den Fokus genommen“, sagt Claus-Ulrich Prölß, Geschäftsführer des Kölner Flüchtlingsrats. Laut der EU-Aufnahmerichtlinie zählen neben Senioren auch Minderjährige, Schwangere, Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern, Opfer von Menschenhandel, Personen mit schweren körperlichen Erkrankungen und Personen mit psychischen Störungen dazu. Auch Personen, die Folter, Vergewaltigungen oder sonstige schwere Formen psychischer, physischer oder sexueller Gewalt erlitten haben, sowie Personen mit LSBTTI-Hintergrund (lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender und intersexuell) gehören dazu. Generell werden jedoch ältere Flüchtlinge genauso behandelt wie die jüngeren und beispielsweise in Turnhallen oder Wohncontainern untergebracht, vorausgesetzt natürlich, dass sie gesund sind.

Perspektiven für die Zukunft

Die Flucht der Wokas war nicht geplant. Auslöser war eine zunächst friedliche Demonstration in Aleppo, die blutig niedergeschlagen wurde. Neun Monate dauerte ihre Flucht, die glücklicherweise ohne größere Schwierigkeiten verlief. Abdulrahman Wokas ist sehr dankbar, dass er so freundlich in Deutschland aufgenommen wurde. Seine erwachsenen Kinder leben in der Türkei, in Österreich, in Bochum und Hagen. „Ich danke auch der Europäischen Union, dass unsere Flucht geklappt hat und meine Familie nun in Sicherheit ist“, sagt Wokas. Der jüngste Sohn, gerade mal 14 Jahre alt, war während der Flucht zeitweise allein in Europa unterwegs. Die Eltern wußten nicht immer, wo sich ihr Kind gerade aufhielt. Anfangs haben sie noch alle drei Tage miteinander telefoniert. Dann zweimal oder gar nur einmal im Monat. „Ich war vor allem glücklich und erleichtert darüber, dass er nicht mehr in Syrien war“, erzählt Wokas. Und dieses Gefühl war mächtiger als die Sorge oder die Angst um den Jungen. Ihm ist vor allem wichtig, dass seine Kinder eine Perspektive für ihre Zukunft haben.

Die zwei Jüngsten sind noch in der Ausbildung, sie möchten hier ihr Abitur machen oder ihr Studium beenden. Der Syrer betrachtet seine eigene Situation recht nüchtern. Er kümmert sich heute vor allem um seine Frau, die krank ist, und meistert den Alltag für sie beide. Das ist schon eine tägliche Herausforderung für ihn. „Es ist sehr schwierig in unserem Alter, sich etwas Neues aufzubauen und eine Sprache zu lernen.“

Neuanfang in Köln

Da sein Aufenthaltsstatus nicht geklärt ist, kann er noch keinen Integrationskurs besuchen und Sprachunterricht nehmen. Wer als Flüchtling offiziell anerkannt ist, darf ohne Einschränkung als Beschäftigter arbeiten oder sich selbstständig machen. Erst vor drei Jahren hatte Wokas als Selbstständiger einen Neuanfang gewagt und ein Geschäft für Wohnungsausstattung in Aleppo eröffnet. Jetzt hat er keine Träume mehr, die er sich noch verwirklichen will. Aber er ist dankbar und zufrieden mit seiner jetzigen Situation. Er mag Köln und die Kölner – so weit er es beurteilen kann. „Ich schätze die Kölner als sehr offen ein. Aber der persönliche Kontakt fehlt mir noch.“

Paten für Familien
Die Diakonie Michaelshoven sucht ehrenamtliche Paten, die geflüchteten alleinerziehenden Müttern oder Familien zur Seite stehen, um ihnen beispielsweise bei der Wohnungs- und Jobsuche behilflich zu sein. Fremdsprachenkenntnisse sind keine Voraussetzung, allerdings sollten Interessierte fünf Stunden in der Woche für ihre ehrenamtliche Tätigkeit einplanen.
Die Flüchtlingsunterkunft befindet sich in Köln-Rodenkirchen.

Kontakt:
Monika Wilke
Tel. 02 21 / 99 56 11 37
E-Mail: Mo.wilke@diakonie-michaelshoven.de

Tags: Ehrenamt , Flucht

Kategorien: Leben in Köln