Leben in Köln

Kölns dunkelste Vollmondnacht

Jürgen Schön-KölnerLeben Ausgabe 2/2017 · 04.04.2017

Mehr oder weniger offensichtlich finden sich noch Kriegsspuren in Köln: der Hochbunker in der  Körnerstraße, die zerstörte Kirche St. Alban und die Baulücke am Zülpicher Platz. Fotos: Petra Metzger (links), Bettina Bormann

Mehr oder weniger offensichtlich finden sich noch Kriegsspuren in Köln: der Hochbunker in der Körnerstraße, die zerstörte Kirche St. Alban und die Baulücke am Zülpicher Platz. Fotos: Petra Metzger (links), Bettina Bormann

Bomberangriffe waren für die Kölner „Nachtroutine“. Doch was in der Nacht zum 31. Mai 1942 – also vor 75 Jahren – geschah, hatten sie noch nicht erlebt: den bis dahin größten Luftangriff der Alliierten auf eine deutsche Stadt.

Während des Zweiten Weltkrieges waren die Luftschutzkeller und Bunker das zweite „Zuhause“ der Kölner. „Spannend“ seien dort die Nächte gewesen, erinnert sich Ludger Nagelschmidt. Auch der „1000-Bomber-Angriff“ ist dem damals 12-Jährigen so im Gedächtnis geblieben. Angst habe er nicht gehabt, versichert er. Einzelheiten aus der Vollmondnacht zum 31. Mai 1942 weiß er nicht mehr, aber das Erschrecken und die Verzweiflung über die verheerenden Folgen des Angriffs sind ihm auch heute noch gegenwärtig.

In dieser Nacht warfen 1.096 englische Bomber fast 50.000 Bomben über Köln ab: 925 Tonnen Brandbomben und 540 Tonnen Sprengbomben. Nach einem Bericht der Kölner Polizei vom 14. Juli 1942 wurden dadurch 12.840 Häuser beschädigt, 3.300 davon waren total zerstört. 41.640 Wohnungen waren in Mitleidenschaft gezogen, 13.010 auf Dauer unbewohnbar geworden. 469 Menschen starben, 5.027 wurden verletzt und 45.132 obdachlos. Bis Kriegsende forderte der andauernde Bombenkrieg 20.000 Menschenleben, die Stadt wurde zur Trümmerwüste.

Relikte – wider das Vergessen

Was erinnert heute noch an diese Zeit? Unübersehbar sind noch 24 der einst 28 Hochbunker. Der in der Körnerstraße vermittelt noch etwas von dem Schrecken, den die Schutzsuchenden in den dunklen, stickigen Räumen durchlebten. In Nippes und Vingst wurden sie zu Wohnungen umgebaut, der Mülheimer wurde zum „Kulturbunker“. Auch hinter der großen Spiegelfassade am Breslauer Platz steckt ein Bunker. Die Raiffeisenbank nutzt ihn als Lager. Vom ursprünglichen „Inhalt“ wissen heute nur noch wenige.

Man sieht eben nur, was man weiß. Wem ist zum Beispiel schon einmal beim Gang über den Roncalliplatz an der Nordost-Ecke des Dom-Hotels das Gitter mit der Aufschrift „Mannesmann-Luftschutz“ aufgefallen? Hier war einst der Notausstieg für den Luftschutz-keller. Kaum einer weiß mehr über diese verborgenen Kölner Kriegsrelikte als Robert Schwienbacher. Der Vorsitzende des Instituts für Festungsgeschichte hat in einem Buch Hinweise auf Luftschutzkeller gesammelt. Weiße Pfeile oder Kreise wiesen damals auf Schutzräume hin. An einigen Häusern gibt es sie noch, unbeachtet wie die Spuren von Granatsplittern. Mit seiner Dokumentation will Schwienbacher sie als mahnende Erinnerungen erhalten.

Wie „Zahnlücken“ im Stadtbild

Langsam verschwinden auch die Baulücken, die Bomben gerissen haben. „Nur zögernd“ wurden sie nach 1945 beseitigt, beklagte 1963 ein Bericht der damaligen „Stelle für Baulückenschließung im Amt für Wohnungsbauförderung“. 3.500 bis 4.000 „baureife Trümmergrundstücke im Stadtgebiet“ benannte der Bericht. Weitere 1.800 bis 2.000 „mindergenutzte“ Grundstücke hatten nur Teilaufbauten. Darüber wird heute kein Buch mehr geführt. Doch einige „mindergenutzte“ Grundstücke gibt es noch, etwa am Chlodwigplatz oder am Zülpicher Platz: im Erdgeschoss ein Geschäft, darüber eine Wohnung, umrahmt von mehrstöckigen Häusern – ein bestenfalls pittoresker Anblick.

Ein anderes Kriegsrelikt wird den Kölnern noch lange erhalten bleiben: Bomben-Blindgänger, die immer wieder bei Bauarbeiten gefunden werden. Während ihrer Entschärfung müssen oft in weitem Umkreis Häuser geräumt werden. Spätestens dann werden auch viele lang verdrängte Erinnerungen wieder wach.

Epochaler Luftangriff
„Der ‚1000-Bomber-Angriff ‘ stellte eine neue Dimension des Luftkriegs dar. Zum ersten Mal überhaupt wurde ein solcher Angriff auf eine Stadt geflogen. Mit dem Angriff begann für die Kölnerinnen und Kölner eine neue Zeitrechnung, und das Ereignis grub sich tief in ihr Bewusstsein ein.“
Dr. Werner Jung, Direktor des NS-Dokumentationszentrums

Bildband „Bilder einer Stadt im Nationalsozialismus. Köln 1933–1945“
Rund 1.600 Bilder belegen, wie sehr der Nationalsozialismus das Leben der Menschen in Köln prägte. Bislang unveröffentlichte, oft private Bilder zeigen offizielle Inszenierungen der Macht. Und gewähren auch sehr persönliche Einblicke in das Alltagsleben im Krieg.

Bombenangriffe auf Köln
Herausgegeben von Dr. Werner Jung. Emons Verlag 2016, 29,95 Euro. ISBN 978-3-7408-0014-7

Tags: Geschichte

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