Leben in Köln

Kölner Köpfe – Jutta Gersten

Lydia Schneider-Benjamin-KölnerLeben Ausgabe 1/2018 · 01.02.2018

Foto: Lydia Schneider-Benjamin

Foto: Lydia Schneider-Benjamin

Man kennt sie als die Frau mit dem Akkordeon, besonders aus dem Kölner Karneval. Seit 1946 steht sie auf der Bühne. Bis heute.

Frau Gersten, wie lange musizieren Sie schon?

Eigentlich bin ich ja eine geborene Gerstenkorn. Aber damals hatte der Westdeutsche Rundfunk mir abgeraten, den langen Namen zu verwenden, das sei wohl zu sperrig. Seit meinem 15. Lebensjahr bin ich mit meinem Akkordeon als Entertainerin unterwegs.

Was war Ihr Traumberuf?

Durch den Krieg hatte meine Familie wenig Geld, mein Vater kehrte kurz nach dem Krieg aus polnischer Kriegsgefangenschaft zurück, das Geld war knapp. Zwar hatten meine Großeltern bis dahin das Schulgeld aufgebracht, aber mit 16 Jahren musste ich die Schule verlassen. Dabei hatte ich bis dahin schon eifrig Latein gelernt, denn mit elf Jahren hatte ich beschlossen, Kinderärztin zu werden. Woher dieser Wunsch kam, ist mir nie klar geworden, denn in unserer Familie hatte niemand diesen Beruf. Bis heute träume ich noch ein wenig davon.

Wo haben Sie Akkordeonspielen gelernt?

Ich hatte in Wuppertal, wo wir bis 1946 lebten, an der Hochschule für Musik mit dem Akkordeonunterricht begonnen. Nach dem Schulabbruch begann ich, in Kapellen zu spielen, damals wurde viel Tanzmusik live gespielt.

Wann begann Ihre Karriere?

Die begann, als wir 1949 nach Köln kamen. Ich hatte guten Kontakt zu den Gründern des Karnevalsvereins „Muuzemändelcher“, Hans Johnen und Karl Berbuer. Das öffnete mir Türen. Mein erster großer Auftritt war 1950 in der Flora. Ich merkte, die Leute liebten das Akkordeon, und außerdem war ich ein „lecker Mädchen“. Dass ich kein Kölsch sprach, spielte keine Rolle. Dann kam der WDR, dann Hans Rosenthal, mit dem ich 20 Jahre lang Radio-Quizsendungen gemacht habe. Dazu noch die NDR-Hafenkonzerte und der Bayerische Rundfunk. Und jedes Jahr wieder im Saalkarneval.

Gab es einen Mann in Ihrem unabhängigen Leben?

Ich war mal verheiratet, aber das ist über 40 Jahre her. Daraus ist eine wunderbare Tochter entstanden, auf die ich sehr stolz bin. Sie ist eine tüchtige und selbstständige Geschäftsfrau. Und einen 15-jährigen Enkel habe ich. Ich verbringe viel Zeit mit ihnen.

Jetzt haben Sie weniger Auftritte, denken Sie manchmal ans Aufhören?

Ich suche mir meine Auftritte jetzt aus. Solange ich mein 14-Kilogramm-Akkordeon noch tragen kann und ich selber Spaß daran habe, mache ich weiter. Ich sage immer: Wir werden nicht älter, wir sind nur länger da. Auf der einen Seite freue ich mich, dass ich so alt geworden bin, auf der anderen Seite bedaure ich, dass ich schon 86 Jahre alt bin.

Das Gespräch führte Lydia Schneider-Benjamin.

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