Leben in Köln

Immer Zirkus

. · 04.12.2017

Auftritt im großen Zirkuszelt. Dort findet die Abschlussgala des Mehrgenerationen-Varietés statt. © Tobias Kempf

Auftritt im großen Zirkuszelt. Dort findet die Abschlussgala des Mehrgenerationen-Varietés statt. © Tobias Kempf

Die Lust am Zirkus kennt kein Alter – und manchmal wird der Wunsch wahr, selber Star in der Manege zu sein.

„Hopp“ ruft Maria Lange mit fester Stimme. Die Frau mit dem weißen Kurzhaarschnitt steht mitten im Aufenthaltsraum des Seniorenzentrums Bocklemünd. In der Hand hält sie einen großen Hula-Hoop-Reifen. Vor ihr sitzt Mischlingsrüde Charlie. Aufmerksam schaut er seine „Dompteurin“ an - dann springt er durch den Reifen. „Bravo!“, rufen die Mitbewohner, diese Nummer ist gelungen. Es wird gelacht und getuschelt. Die Stimmung ist ausgelassen. Nun ist ein anderer der zwei Dutzend Bewohner aus dem Pflegebereich dran, mit einem Tier eine Zirkusnummer einzuüben.

Möglich machen das echte Zirkusleute. Familie Spindler vom „Circus Liaison“ hat vor etwa zwei Jahren begonnen, zusätzlich zum normalen Vorstellungsbetrieb ihr Zirkustraining in Senioreneinrichtungen anzubieten. „In Kindergärten hatten wir das schon länger angeboten. Irgendwann hatten wir dann die Idee“, sagt Beatrix Spindler. Im engen Austausch mit den Betreuerinnen werden Anforderungen und Dauer auf die Bewohner zugeschnitten. Auch Artistik und Clownerie gehören dazu. Nach Bocklemünd kamen ihr Mann Alfons und die beiden Töchter eine Woche lang jeden Vormittag. Mit dabei: einige ihre dressierten Tiere - Hunde und Ziegen, zudem eine Pythonschlange und ein Alpaka.

Mehrgenerationen-Varieté

Ganz ohne Tiere geht es im Mehrgenerationen Varieté des Bürgerzentrums Deutz zu. Menschen jeden Alters, mit oder ohne Handicap, können in einem einwöchigen Training in den Sommerferien etwas Künstlerisches lernen. Auch hier entstammen viele Angebote dem typischen Zirkus: Akrobatik Artistik, Zauberei, Jonglage, aber auch Neues wie Trommeln und Tanz. Miriam Meisenburg ist Zirkuspädagogin und organisiert seit vier Jahren das Varieté. „Der Schwerpunkt liegt darauf, ein Angebot für alle Menschen zu machen. Unsere jüngste Teilnehmerin war dreieinhalb, die älteste 84 Jahre“, sagt sie. In den bunt gemischten Workshops können alle voneinander lernen und haben einen Riesenspaß. Damit die 65 Teilnehmer genügend Platz zum Üben haben, wurde die nahe gelegene Realschule genutzt.

Türen werden geöffnet

Auch im Altenheim wird fleißig weiter geübt. Die Ziegen balancieren auf einem Balken und klettern auf Hocker. Die Hunde tanzen und machen Männchen. „Gerade die Tiere sind für die Bewohner ganz toll“, erzählt Mitarbeiterin Evelyn Rath, im Haus zuständig für die soziale Betreuung. Sie weiß: „Tiere schaffen es, Türen zu den Herzen von Menschen zu öffnen.“ Da werden selbst zurückhaltende Menschen überschwänglich, geben Kommandos und loben die vierbeinigen Artisten.

Das Training weckt außerdem schöne Jugenderinnerungen an den Zirkus. Wenn es damals hieß „Der Zirkus kommt“, dann schwang alleine in der Ankündigung schon ein Hauch von Abenteuer mit. „Früher bedeutete Zirkus Abwechslung vom Alltag und fast jeder verbindet damit fröhliche Geschichten“, so Evelyn Rath. Exotische Tiere, spektakuläre Artistik, wilde Clownerien, farbenfrohe Kostüme - all das fasziniert.

Lampenfieber ist keine Frage des Alters

Wenn dann eine waschechte Zirkusfamilie wie die Spindlers zum Üben kommt, überträgt sich ihre Begeisterung auf die Menschen, mit denen sie proben. „Wir sind seit Generationen eine Zirkusfamilie. Wir haben das im Blut“, lacht Beatrix Spindler. Für sie ist ein Auftritt vor Publikum Normalität. Aber groß ist das Lampenfieber der Bewohner, als nach der Probewoche die Vorstellung in einem extra großen Raum im Bürgerschaftshaus Bocklemünd ansteht. Alle Angehörigen sind eingeladen. Die „Dompteure“ genießen ihren Auftritt sichtlich - das Publikum applaudiert begeistert. Auch Evelyn Rath ist mitgerissen und meint: „Die Menschen freuen sich besonders, dass sie ihren Angehörigen mit der Vorstellung etwas schenken können.“

In Deutz findet die gemeinsame Abschluss-Show sogar in einem richtigen Zirkuszelt statt, das jedes Jahr auf dem Schulhof aufgebaut wird. „Eine öffentliche Vorstellung stärkt zwar das Selbstbewusstsein, ist aber nicht das Hauptziel unseres Angebots. Wichtig ist die Zeit davor, die Woche des Miteinanders. Und die ist für jede Altersgruppe bereichernd“, sagt Miriam Meisenburg.

Mehrgenerationen-Varieté des Bürgerzentrums Deutz
in den Sommerferien: Kosten 60 Euro (halbtägig), 100 Euro (ganztägig).

Anmeldung über Bürgerzentrum Deutz, Tempelstraße 41–43, 50679 Köln
Tel. 0221 / 221-9 14 59

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