Leben in Köln

Der urbane Heimatfilmer

Jürgen Schön-KölnerLeben Ausgabe 4/2016 · 22.03.2017

Foto: Bettina Bormann

Foto: Bettina Bormann

Hermann Rheindorf ist die beste Adresse, wenn es um bewegte Bilder geht. In seinem Archiv finden sich mehr als tausend Stunden Film über Köln und den Rhein.

24 „abendfüllende“ thematische Dokumentationen hat Rheindorf daraus schon auf DVD zusammen-gestellt. Zuletzt erschien: „Filmreise in die Wiederaufbauzeit – die 40er- und 50er-Jahre“. Andere behandeln Kölns Brücken, Sport, Karneval oder die Geschichteder Rheinschifffahrt. 150.000 verkaufte Exemplare bestätigen die große Beliebtheit seiner Filme. Vor allem aber die Nachfrage nach der Trilogie „Köln im Dritten Reich“ zeigt, dass er mit seiner Arbeit einen Nerv getroffen hat.

Engagierter Pionier

An Geschichte interessiert war der 50-Jährige schon immer, an „der Frage nach dem großen Zusammenhang“. Dass er damit auch einmal sein Geld verdienen würde, war nicht abzusehen. Zunächst arbeitete Rheindorf als Journalist, unter anderem für WDR und ZDF. Schon in den 1990er-Jahren organisierte er – seiner Zeit weit voraus – in Köln einen lokalen TV-Sender im Internet, der dann aber aus Geldmangel eingestellt wurde.

Seine eigentliche Liebe aber galt damals der Musik. „Wir waren die Größten“, erinnert er sich an die eigene Band, für die er Texte gegen Rassismus schrieb. Da lag es nahe, dass er 1992 zu den Mitorganisatoren des ersten „Arsch huh“-Konzerts auf dem Chlodwigplatz gehörte, das sich gegen rechtsmotivierte Brandanschläge wie in Solingen oder Rostock richtete. Dem Verein „Arsch huh – Zäng ussenander“ ist er bis heute als Pressesprecher verbunden. Das Engagement gegen den neuen Rechtsextremismus brachte ihn dann schließlich zur Geschichte. Entscheidend war 1999 die Feier zum 90. Geburtstag von Willy Millowitsch in der KölnArena. Er drehte 30 kleine Einspielfilme, in denen das Leben des Volksschauspielers in die Welt- und die Stadtgeschichte eingeordnet wurde. „Jeder hielt das für einen Stimmungskiller, doch das Publikum war begeistert“, erinnert sich Hermann Rheindorf.

Hermann RheindorfVielfältige Zeitreisen

Und wie kommt er an die Filme? Er studiert alte Zeitungen, kauft Kopierwerksnachlässe, reist selber in die USA oder nach England, beauftragt andere mit der Recherche. So entsteht ein Geflecht von Beziehungen, auf das sich auch Menschen aus eigenem Antrieb melden. Grundlage ist Rheindorfs große Vertrauenswürdigkeit, schließlich öffnen ihm viele ein langes, meist auch in der eigenen Familie vergessenes Familienarchiv. Oft sind die alten Zelluloidfilme in einem erbärmlichen Zustand. Rheindorfs Angebot: Digitalisierung gegen Nutzung.

So gelingen ihm immer wieder kleine Sensationsfunde. Wie der Auftritt des Eilemann-Trios beim ersten Kölner Nachkriegs-Tennisturnier. Privataufnahmen eines Rheinlotsen von seiner Arbeit. Ein Werbespot der Sünner-Brauerei aus den 1930er-Jahren für Pils – nicht Kölsch! Oder wie sich der Architekt der Severinsbrücke selber oben auf dem Pfeiler filmte.

 

 
Foto: Bettina Bormann

Die Suche nach historischen Filmdokumenten führt manchmal auf seltsame Wege. So fand er einen Bericht über den Kölner Karneval aus dem Jahr 1913 als Teil einer russischen Wochenschau im Archiv der Moskauer Universität. Bei manchen versprach der Titel mehr, als der Film dann hielt. „Rheinwald“ hießen einige Minuten aus den frühen 1950er-Jahren, die er im Mannheimer Stadtarchiv aufstöberte. Zu sehen waren nur einige Schwenks über das Rheinufer, die Stellen sind heute nicht mehr zu identifizieren. Aber auch ein Angler ist zu sehen. „Die Szene kann ich brauchen, wenn ich etwas über Angeln und Fischfang am Rhein zusammenstelle“, sagt der Filmhistoriker. Man darf gespannt sein.

Tags: Film , Geschichte

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