Gesund leben

Gewalt in der häuslichen Pflege

wg · 29.06.2018

Foto: Pixabay / Sabine van Erp

Foto: Pixabay / Sabine van Erp

Eine aktuelle Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) zeigt: Gewaltsituationen im Rahmen der häuslichen Pflege sind ein Massenphänomen und gehen sowohl von Pflegenden als auch Pflegebedürftigen aus. Jeder Zweite pflegende Angehörige berichtet, Gewalt durch den pflegebedürftigen Menschen erlebt zu haben. 40 Prozent geben an, selbst schon gewaltsam gegenüber dem Pflegebedürftigen gehandelt zu haben.

Fast drei Viertel der rund 3 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden zu Hause versorgt. Davon 1,4 Millionen ausschließlich durch Angehörige, die dazu viel Zeit, Geduld und Kraft aufbringen. Dabei drohen belastende Konflikte, die zu Gewalt in der Pflege führen können.

Dies unterstreicht eine neue Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP). Für die Untersuchung wurden deutschlandweit 1.006 pflegende Angehörige im Alter zwischen 40 und 85 Jahren dazu befragt, welche Erfahrungen sie mit Konflikten und Gewalt in der Pflege gemacht haben. Es zeigt sich: Viele pflegende Angehörige haben mit belastenden Gefühlen zu kämpfen. Über ein Drittel der Befragten (36 Prozent) fühlt sich häufig niedergeschlagen. Über die Hälfte (52 Prozent) hatte in den letzten sechs Monaten den Eindruck, dass die pflegebedürftige Person ihre Hilfe nicht zu schätzen weiß. 25 Prozent hätten den Pflegebedürftigen bereits „vor Wut schütteln können“.

Pflegende Angehörige müssen unterstützt werden

Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP: „Pflegende Angehörige müssen wirksamer unterstützt werden. Denn Pflege kann schwierig sein und auch mit negativen Emotionen einhergehen. Es ist bedeutsam, solche Gefühle zu erkennen und zu lernen, wie man damit umgehen kann. Das ist ein wichtiger Schritt, um gefährlichen Krisen vorzubeugen und die Gesundheit aller Beteiligten zu schützen.“

Neben belastenden Gefühlen berichten viele Angehörige von Gewalt und krankheitsbedingtem gewaltförmigem Verhalten Pflegebedürftiger. 45 Prozent geben an, mit psychischer Gewalt wie Anschreien, Beleidigen oder Einschüchtern konfrontiert worden zu sein. 11 Prozent haben körperliche Übergriffe wie grobes Anfassen, Kratzen, Kneifen oder Schlagen erlebt.

Verharmlosung ist der falsche Weg

„Gewalt in der Pflege hat viele Gesichter und fängt nicht erst beim Schlagen an. Es kommt dabei nicht in erster Linie darauf an, ob etwas aus bösem Willen passiert oder strafrechtlich relevant ist. Vielmehr geht es um die oft gravierenden Folgen. Wer Gewalt in der Pflege verharmlost, verkennt die möglichen Schäden bei Betroffenen und das Risiko einer Eskalationsspirale“, erklärt Suhr.

Auch Pflegende können gegenüber einer pflegebedürftigen Person gewaltsam handeln. Insgesamt 40 Prozent der Befragten äußerten, dies innerhalb der letzten sechs Monate mindestens schon einmal absichtlich getan zu haben. Am häufigsten wurden mit 32 Prozent auch hier Formen psychischer Gewalt berichtet. 12 Prozent machten Angaben zu körperlicher Gewalt, 11 Prozent zu Vernachlässigung. Sechs Prozent nannten freiheitsentziehende Maßnahmen. „Gewalt in der Pflege trifft pflegebedürftige Menschen oft besonders hart, denn sie können sich häufig nicht gut wehren, teilweise nicht einmal mehr äußern und sind vom Pflegenden meistens abhängig“, umreißt Suhr die Problematik.

Hinweise dazu, wie man mit Wut, Aggressionen oder herausforderndem Verhalten in der Pflege umgehen und Gewalt vorbeugen kann, erhält man bei örtlichen Pflegeschulungen oder Pflegeberatungen. Pflegende Angehörige haben auf Beratung und Schulung einen kostenlosen Rechtsanspruch. Das Zentrum für Qualität in der Pflege bietet in seinem Portal mehr Informationen zum Thema Gewalt in der Pflege, Tipps zur Gewaltprävention für Angehörige und Notfall-Kontakte für Krisenfälle.

Landesweites Krisentelefon gefordert

Aufgrund der Umfrageerkenntnisse fordert der Sozialverband VdK Nordrhein-Westfalen dringend die Einrichtung einer zentralen Kontaktstelle für Betroffene in NRW. Die Landesregierung und die sie tragende schwarz-gelbe Koalition sollten dabei dem Beispiel anderer Bundesländer folgen und anstelle einiger weniger Angebote in vereinzelten Kommunen ein landesweites Krisentelefon einrichten. „So könnte jemand, der bedroht, eingeschüchtert oder sogar geschlagen wird, schnell und unbürokratisch Hilfe bekommen“, begründet VdK-Vorsitzender Horst Vöge den Vorschlag.

KölnerLeben hat in der April-Ausgabe einen ausführlichen Beitrag zu den Ursachen und Erscheinungsformen von Gewaltsituationen in der häuslichen Pflege veröffentlicht. Dort finden Sie auch Hinweise zu den örtlichen Hilfe- und Beratungsstellen.

Tags: Gesundheit , Pflege

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